Derborence – Vom Bergsturz zum Naturschutzgebiet

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Selten wird sich jemand bereitfinden, für ein Stück Land, das nach den üblichen Begriffen als „wertlos“, weil keinen Ertrag bringend, bezeichnet werden muß, Geld auszugeben. Und doch geschieht dies immer wieder, dann nämlich, wenn es sich darum handelt, ein Stück unberührter Natur vor jedem Eingriff durch den Menschen zu bewahren. Vor rund einem Jahrzehnt brachte der „Schweizerische Bund für Naturschutz“ den beachtlichen Betrag von 100 000 sfr auf, um den Urwald von Derborence anzukaufen. Mancher Naturfreund wird vergeblich seine geographischen Kenntnisse durchforschen, um die Lage dieses Urwaldes festzustellen. Es ist auch nicht ganz einfach. Denn der Urwald von Derbo­rence liegt in einem kleinen Talkessel des Unter­wallis. Die umgebenden Kämme dieses Kessels bil­den zum Teil die Grenze gegen den westlichen Kan­ton Bern, zum Teil gegen den Kanton Waadt. Den Zugang aus dem Wallis, und zwar westlich der Hauptstadt Sion, bildet eine ungeheuer tief einge­schnittene Schlucht, durch deren Hänge man 1952 hoch über dem engen Schluchtboden mit Hilfe zahl­reicher Tunnels eine Fahrstraße gelegt hat, deren Befahrung, besonders bei schlechtem Wetter, große Aufmerksamkeit erfordert. Der Bach, welcher die Schlucht durchfließt, ist die Lizerne.

Hat man die Schlucht glücklich hinter sich gebracht, so ist man überrascht von dem Anblick, der sich dem Besucher bietet: Weltfern verträumt und zugleich von unberührter Wildheit ist der Kessel von Der­borence, so als ob die Natur hier, im Gegensatz zu anderen Alpentälern mit ihren Weidegebieten, Hir­tenhütten und dergleichen mehr, immer unberührt geblieben wäre. Nun, das stimmt auf alle Fälle für die letzten 200 Jahre. Bis zum 25. September 1714 (das genaue Datum scheint nicht ganz festzustehen, da auch der 23. Juni desselben Jahres genannt wird) war auch dieses Tal vom Geläut der Glocken wei­dender Viehherden erfüllt, standen im Talboden
und an den Hängen Hirtenhütten und herrschte in jedem Sommer das übliche Alptreiben.

An diesem Tag des Unheils jedenfalls begann im Kessel von Derborence — wie es der Schweizer Dich­ter C. F. Ramuz beschreibt — ,,… ein Tosen, das aus den Tiefen des Raumes kam. Wie Rollen des Don­ners, dem ein kurzer Knall vorhergegangen war; und jetzt, da das Rollen dauerte, wurde es immer wieder durch Schläge unterbrochen, die mit langem Echo widerhallten.“ Ungeheure Felsmassen waren von den Diablerets herabgestürzt und hatten die blühende Alp zerstört. „Die Hüttendächer, unweit voneinander, ruhten wie halb aufgeschlagene Bü­cher auf einem grünen Teppich, graue Buchdeckel. Und zwei, drei Bächlein glänzten da und dort wie Säbelschneiden im Licht“, heißt es weiter bei Ramuz. Ein gewaltiger Bergsturz hatte mit einem Schlag die Landschaft verändert. Da sich schon einige Zeit vor­her beunruhigende Erscheinungen in den Wänden der Diablerets (3 217 m) gezeigt hatten, waren zum Glück zahlreiche Bewohner des Talkessels samt Vieh schon weggezogen. Trotzdem forderte der Bergsturz von 1714 noch 15 oder 18 Menschenleben (die ge­naue Zahl steht nicht fest) und über 100 Stück Rind­vieh. Hinzu kamen 55 Alphütten und andere Ge­bäude, die verschüttet wurden. Wie ein Wunder er­scheint es, daß ein junger Hirt mit dem Leben davon­kam, nachdem er zwei Monate unter den Trümmern gelebt hatte. Die Reste einer gegen eine Felswand gelehnten Hütte schützten ihn vor dem Erschlagen-werden. Er nährte sich von Käsevorräten und durch­suchte so lange die Trümmer des Bergsturzes, bis er durch einen Spalt ans Tageslicht gelangte. Als er in sein Heimatdorf Aven am Beginn der nach Derbo­rence führenden Schlucht zurückkehrte, glaubte man, ein Gespenst zu sehen, der Pfarrer mußte den Totgeglaubten exorzieren, ehe er wieder in die Ge­meinschaft der Lebenden aufgenommen wurde.

Es blieb aber nicht bei diesem Bergsturz, denn 35 Jahre später, 1749, kamen nochmals gewaltige Fels­massen vom Berg herab und deckten neuerlich 40 Alphütten zu. Hierbei kamen nur fünf Menschen, ums Leben, da sich die übrigen Alpbewohner schon rechtzeitig in Sicherheit gebracht hatten.

Wenn sich die beiden Bergstürze von Derborence auch in einem verhältnismäßig abseitigen Gebiet ab­gespielt haben, so befaßte man sich doch auch von wissenschaftlicher Seite mit ihnen, zumal ja in der Schweiz große Bergstürze gar nicht so selten waren. Man denke an Elm, Arth-Goldau, Plurs und andere. Vor über 80 Jahren behandelte F. Becker im Jahr­buch des SAC den Bergsturz der Diablerets, zu einem Zeitpunkt also, in welchem erst 133 bzw. 168 Jahre seit der Katastrophe vergangen waren. Ein Vergleich des damaligen mit dem heutigen Zustand des Kessels von Derborence ist sehr interessant, da das Gebiet heute ja für den Naturschutz so wich­tig geworden ist.

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