Pfingstfahrt zur Parseierspitze

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Endlich stehen wir vor dem eigentlichen Gipfelauf­bau. Die Schwierigkeiten verlangsamen unser Tempo ganz erheblich. Einem Überhang müssen wir in die finstere Nordostwand ausweichen, dann ein seichter Riß in rotem Fels. Unheimlich brüchig ist alles, kein Griff will halten, und kein Tritt ist sicher. Schließlich sind wir wieder am Grat. Ein letzter Aufschwung liegt vor uns. Greifbar nahe sehen wir schon das trigonometrische Zeichen am Gipfel. Da bietet uns der Gipfelturm noch einmal Halt. Unmöglich, ihn von vorne zu bezwingen, auch die Westseite bietet keinerlei Möglichkeiten. Doch halt, zieht nicht in die Ostflanke hinaus ein schmales, an der Ecke sich im Nichts auflösendes Band? Hier muß es gehen! Oder sollten wir gar den ganzen langen Nordgrat zurückklettern, jetzt, eine Seillänge unter dem Gipfel?

In einem Riß schräg unter uns finden wir unter arm­dicken Eiszapfen einen prächtigen Haken. Ein Kara­biner schnappt ein, das Seil, und schon schleicht der Freund das immer schmäler werdende Band hinaus. Noch vor der Ecke des Turmes ist es zu Ende, er muß sich aushängen und aufs Geratewohl um die Ecke langen. Er tastet, das Gesicht an den Fels ge­preßt, die Stiefel scharren nach einem Tritt, ohne Erfolg. Doch dann ist er plötzlich hinter der Ecke verschwunden, das Seil läuft rascher durch meine Hände, und ehe ich mich dessen versehe, steht der Freund hoch über mir.

Den Rucksack seilen wir auf, und bald habe auch ich das »scharfe Eck“ hinter mir. Ein kurzer Kamin mit leidlich guten Griffen, und schon bin ich droben. Gemeinsam tun wir die letzten Schritte hinüber zum Gipfelzeichen — und prallen zurück. Eine ungeheure schwefelgelbe Mauer steht über dem Inntal. Wir sind mitten in der spannungsgeladenen Wolke, der Pickel surrt, die Haare stehen uns zu Berg, und über die Haut läuft eigenartiges Zucken. Jetzt nichts wie weg vom Gipfel! Während wir in großer Eile absteigen, bricht das Unwetter schon los. Blitz, Hagel und Donner in zwanzigfacher Verstärkung … Wie wir heil und ohne Schaden hinuntergekommen sind auf den Grinner Ferner, wissen wir nicht. Jenseits des Bergschrundes finden wir uns wieder, im Schnee sitzend, ohne Pickel, im strömenden Regen. Jetzt ist uns schon alles gleich. Nasser als naß können wir nicht mehr werden. Und so stapfen wir hinüber zur Patrolscharte. Den steilen und langen Hang ins Patrolkar hinunter bringen wir sehr rasch hinter uns, indem wir uns kurzerhand in eine der schmalen Lawinenrinnen setzen und auf einem Schneepfropf abfahren. Im Nu sind wir drunten.

Nachdem wir erst einmal die Hosen ausgewunden und den Schnee aus den Taschen geräumt haben, machen wir uns auf den Heimweg. Endlos, auf und ab, durch aufgeweichten Schnee, der das Wasser aufsaugt wie ein Schwamm. Denn regnen tut es noch immer. Es regnet auf dem stundenlangen Heimweg, es regnet den ganzen nächsten Tag, den wir in der kalten Küche der Hütte verbringen, in Decken gewickelt und mit den Zähnen klappernd. Es regnet noch am dritten Tag. Und als dieser Regen anfängt, in Schnee überzugehen, ergreifen wir die Flucht, um nicht wie in einer Mausefalle gefangen zu werden. So steigen wir tiefer, dem Tale entgegen. Und so, wie uns vor Tagen auf dem Weg zur Hütte der Winter gleichsam entgegengekommen ist, so nähern wir uns heute Schritt um Schritt dem Frühling. Die ersten aperen Flecken begrüßen wir, die ständig sich vermehrenden Löcher im Nebel, durch die der blaue Himmel lugt. Soldanellen finden wir, Anemonen und Krokusse. Als wir auf dem Talboden angelangt sind, scheint bereits wieder die Sonne. Und während wir talaus marschieren, verdampft das Wasser in den Stiefeln; die Kleider trocknen beim Gehen. In Bach richten sich die Bauern schon zur Heuernte, und den Winter, dem wir gerade erst entkommen, scheint man dort drunten schon vergessen zu haben.

 

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