Pelmo Südostpfeiler – Spalla Est del Pelmo

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Anruf über das Seil

Im August war es und am Pelmo-Südostpfeiler. Den großen Quergang hatten wir ohne Zwischenfall hin­ter uns gebracht und hinterließen ihn, wie wir ihn angetroffen hatten. Unsere Vorgänger hatten diese Querung als ein „Letztes“ bezeichnet, und wir hatten Angst. Zugegeben, dieser Quergang erfordert Mut, vielleicht mehr Mut als Kraft, vor allem aber ver­langt er sauberes, freies Gehen. Nun standen wir vereint auf einem kleinen Felsköpfel, schauten die glatte, senkrechte Wand zurück und sprachen respektvoll von den Erstbegehern dieses Weges. Am Beginn des Querganges hatten sich Angst, Un­sicherheit, Ruhelosigkeit mit Sehnsucht nach dem Drüben, Mut zum Kampf vermischt. Am Ende des Querganges rasteten Geborgenheit, Freude, Zauber des erfüllten Traumes — rasteten für eine kurze Weile zwei Steigende. Dazwischen lag das Aben­teuer der Tat.

Wir waren die zweite Seilschaft, die den beiden „Scoiattoli“ aus Cortina hier am Pelmo folgten. Das Gelände wird nun leichter, dafür unübersicht­licher. Bäuche, runde, glatte Bäuche, sperren immer wieder den Weiterweg. Weit ober dem Heini stecke ich in einem glatten Riß. Schon längere Zeit stecke ich hier. Das Seil läuft nicht mehr nach — es muß verklemmt sein. Zerren, reißen … schwitzen.

Ein kleines Stück ist es nun doch nachgegangen, das verdammte Seil! Nun versuche ich, links aus dem Riß hinauszusteigen — es geht, zwei Meter, dann ist wieder stopp!

Neuerliche Rauferei. Zerren, reißen, balancieren. Die Handgelenke schmerzen — lange kann ich mich nicht mehr halten. Ich schreie; nein, ich brülle .. . vergebens. Der Wind verweht alle meine Laute.

Was machen? Plötzlich wird mir klar, daß zwischen dem Freund und mir nur ein Haken steckt. Das Bild des eingetriebenen Stiftes steht mir vor Augen … es schwebt mir immer wieder vor: Längs­ritze, Haken mit verkrüppelter Ose, Bonatti-Leicht­metallkarabiner. Ich darf nicht loslassen — oder bes­ser, ich habe Angst, loszulassen.

Die Luft dient uns nicht mehr als Schallüberträgerin. Das einzige Mittel, durch das wir uns verständigen könnten, ist das Seil. — Aber das steckt; oder ist es aus? Ich klebe hier am Wulst, ringe um mein Leben, verkralle meine Finger im Fels.

Es gelingt mir, auf einen großen, zuverlässigen Tritt zurückzusteigen. Nirgends eine Hakenritze. Mit einer Hand halte ich mich am Fels fest, mit der anderen zucke ich am Seil: einmal — ein zweites Mal ein drittes Mal. Das heißt: Nachkommen! Nichts rührt sich; neuerliches Brüllen; rascher Griff­wechsel. Ist das Seil nun doch verklemmt — am Haken, in einem Riß, oder war mein Anruf zu schwach? Ich wiederhole das Zucken, so stark es eben geht auf diesem einen Tritt und mit der müden Hand am verschwitzten Griff. Dann wische ich mir, das Seil wieder locker lassend, mit der zweiten Hand den Schweiß ab — der Verzweiflung nahe. Sicherlich schreit Heini unten irgend etwas, nur höre ich nichts. Ich schreie, und er hört nichts.

Ratlosigkeit. — Warum zuckt er unten nicht? Ja, richtig, weil ich sonst sofort herausfliegen würde, zuckt er nicht. Er tut gut, nicht zu zucken — meine Finger sagen es mir.

Ich zucke wieder. — Es geht! Das Seil geht nach! Der Anruf ist gelungen. Wir haben Kontakt. Vorsichtig klettere ich auf das Band, finde zu meiner Überraschung noch einen Standhaken — Karabiner und Seil schnappen ein. Fest umklammern klebrige Finger weiche Perlonseile.

Reinhold Meßner

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