Messners Hattrick 1982 – drei 8000er in drei Monate – Kangchendzönga – Gasherbrum II – Broad Peak

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bevor mein Körper wach ist, beginne ich zu wandern, sehe ich, wo ich bin.

In Urdukas treffen wir mit einer amerikanischen Expedition zusammen, die eine Besteigung des Gasherbrum ab­gebrochen hat. Seit Tagen ist alles grau, grau und ohne Umriß. So sei es oben am Berg schon seit Wochen, sagen die Amerikaner. Dazu herrscht Lawinenge­fahr. Es sei nichts zu machen.

Als wir am oberen Abruzzi-Glet­scher unser Basislager aufschlagen, kom­men zwei Wissenschaftler und bitten uns, am Gasherbrum II nach ihren Freunden zu suchen. Die zwei sind schon seit drei Wochen oben. Noch aber sind wir nicht akklimatisiert, das Wetter ist schlecht. Wir versprechen, unser Bestes zu tun.

Eine gute Woche später brechen wir bei klarem Wetter auf und erreichen nach drei Klettertagen ein Biwakzelt unter der Felspyramide des Gipfels. In dieser Nacht schlägt abermals das Wetter um. Wieder Schneefall und Sturm. Wir gehen trotzdem weiter — und finden in einer Felsnische einen Toten.

Die Begegnung mit dem Tod bringt, für Augenblicke nur, den Sturm zum Schweigen. Der Schneestaub in der Luft erstarrt. Traurigkeit hebt alles um uns herum auf. Der steife Körper Iiegt da, halb zugedeckt vom Biwaksack, als ob er vergessen hätte, weiterzuleben.

Als ich höher steige, mehr auf der Suche nach dem zweiten Toten als auf dem Weg zum Gipfel, versuche ich, an den gefundenen Mann zu denken. Es gelingt mir nicht. Ich kann ihn mir nicht lebend vorstellen, so als wäre er nie lebendig gewesen.

Wir finden eine Spur, die sich am Grat verliert, im Nichts; und eine Stunde später den Gipfel, den Sher Khan schon von einer früheren Bestei­gung her kennt. Zweimal verlieren wir heim Abstieg im Nebel den Weg und erst dabei wird mir bewußt, wie groß auch dieser Berg, ein sogenannter »kleiner Achttausender«, ist.

Eine Woche nach dieser Besteigung erreichen wir voller Erwartung das Basis­lager meines dritten Achttausenders: des Broad Peak. Ich bin zuversichtlich und entschlossen, so lange zu warten, bis mir der »Hattrick« gelungen ist. Ich denke und schreibe doch auch in einem Dreierrhythmus. Weil ich immer noch begeistert bin von dieser Idee, gefällt mir sogar unser Lagerplatz — eigentlich nur ein windiger, trostloser Moränenrücken. Nach einem Rasttag brechen wir auf. Ich bin frischer als drei Monate zuvor beim Aufbruch zum »Kantsch«.

Sher Khan und Nazir Sabir sind mir vertraut geworden. Ich wünsche mir eine Art von Verschworenheit, die über diese Expedition hinausgeht. An diesem ersten Tag steigen wir, einen Lagerplatz überspringend, bis in die Mitte des Westspoms hinauf. Am zweiten Tag bleiben wir auf 7100 Meter, um uns nicht zu überanstrengen. Am dritten
Tag — kalt und windig, aber strahlend schön — wissen wir schon beim Anzie­hen, daß wir den Gipfel erreichen werden. Im gleichmäßigen Rhythmus steige ich hinter Sher Khan her. Nazir Sabir folgt.

Dieses Gehen — Innehalten — macht uns zu einer Einheit. Es ist wie gemeinsames Wollen — Vergessen-Wollen.

An der Westscharte warten wir auf­einander. Der Gipfel erscheint weit entfernt, und jetzt gehe ich wieder vorne­weg.

Wie klar ich mich an den Bericht der Erstbesteiger erinnern kann, die vor 25 Jahren hier waren: Diese riesigen Schaumrollen aus Preßschnee, diese Windwolken am nahen Himmel! In diesen Stunden glaube ich diesem, meinem Leben mehr als allen Philoso­phien und Religionen.

Es ist immer noch Vormittag. Der Grat ist nahezu flach. Ich bin müde, könnte jetzt aber nicht einfach aufhö­ren, ohne am Gipfel gewesen zu sein — die tragende Lust, immer weiter zu gehen, rund um die Welt, kommt aus diesem Himmel über mir.

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