Messners Hattrick 1982 – drei 8000er in drei Monate – Kangchendzönga – Gasherbrum II – Broad Peak

No Comments
 
 

Halb­schlaf mit seinen Alpträumen: Wie im Sturm das Zeltgestänge durch meinen Bauch stieß. Dabei wußte ich auch im Halbschlaf, daß wir überlebt hatten. Wir hatten die ganze Nacht über nichts trinken können und am Morgen, als die Zeltplanen schließlich rissen, trieben Friedl und Ang Dorje mich an. Hin­unter! Die anderen waren schon weg und ich immer noch damit beschäftigt, die Steigeisen auf die Plastikstiefel zu spannen.

Niemals zuvor in meinem Leben lagen die Lust, ewig leben zu wollen, und der Wunsch, auf der Stelle zu ster­ben, so nahe beieinander wie dort oben. Mit aller Energie ging ich gegen den Sturm an. Er warf mich zur Seite. Ich stand wieder auf und schaffte den Anschluß an die beiden Freunde. Als ich über die spiegelnde Eisfläche ins zweite Hochlager abstieg, war ich schon wieder weit voraus. Plötzlich merkte ich, wie ich immerzu erzählte, ganz in­tensiv erzählte, ohne daß da jemand war.

Der weitere Abstieg verlief wie im Traum, in einer Art Seelenruhe. Inner­lich widerstandslos, als sei mir der Körper abhanden gekommen, erlebte ich, wie ich stürzte und am Seil hing. Ich war nur noch ein sich bewegender Schatten, nichts von außen störte mein Wesen. Alles umbebte mich — ohne Fremdsein.

Als wir gerade unterhalb des Eis­falls waren, brach ein riesiger Sérac über uns ab. Ich lief nicht davon. Im Schutz des Rucksacks, auf den Schnee gekauert, wartete ich auf die Lawine. Ich verspürte nicht einmal Angst; ich zelebrierte das Sterben.

Als der Schneestaub absackte, war da einen Augenblick das Bedürfnis, dankbar zu sein. Keinen Augenblick lang aber fragte ich mich: dankbar wem?

Wieder ins Basislager zurückge­kehrt, brach, noch vor der Krankheit, der Wahnsinn in mir aus. Ich löste mich von meinem Schock, erzählte, erzählte. Ich mußte einfach erzählen, redete, wie unverstanden, vor mich hin. Zehn Tage lang, auf dem Weg vom Basislager bis nach Daran, glaubte ich wenigstens ein­mal am Tag, sterben zu müssen.

Jetzt, nochmals zehn Tage später, in meinem Hotelzimmer in Kathmandu, lassen die Schmerzen nach. Die Anti­biotika wirken. Aber ich bin noch völlig erschöpft.

Trotzdem verspüre ich ein alles überströmendes Gefühl der Erneuerung. Dieses Gefühl und die längst abgeschlos­senen Vorbereitungen — in Pakistan warten zwei Bergsteiger auf mein Kommen, die Genehmigung ist bezahlt, die Ausrüstung liegt in Rawalpindi — zwin­gen mich, den alten Plan wieder aufzu­greifen: Drei Achttausender in einer

Saison. Sicher, meine Chancen sind klein, aber lebte mein Bergsteigen nicht schon immer durch die Tat und die Gefahr des Scheiterns dabei?

Nach einem Monat der Ruhe reise ich nach Pakistan, wo ich zehn Monate zuvor die Sondergenehmigung für zwei Achttausender in einer Expedition be­antragt hatte. Nun bin ich wieder in der Szene.

Am Flughafen von Rawalpindi steht ein Trekker in Bundhosen, roten Strümpfen und rotweißkariertem Hemd; auf den Rucksack genäht seine Fahne — schwarz, rot, gelb. Stille Freude, daß so ein Beflaggter nur einzeln und nicht in Scharen auftritt.

Die europäischen Bergsteiger, die ich in Rawalpindi treffe, verbergen ihr Erstaunen über mein Auftauchen. Der eine oder andere, der nach den Zeitung s-berichten im Mai nicht mit meinem Überleben gerechnet hat, scheint sogar Hemmungen zu haben vor einem Wiedersehen. Man benimmt sich so merkwürdig und den Ratschlag, nach Hause zu gehen, höre ich häufiger als die Fragen was ich hier will. Ich will nur selbst für mein Leben verantwort­lich sein.

In dieser Stimmung beginne ich Anfang Juli mit Sher Khan und Nazir Sabir — zwei erfahrenen pakistanischen Bergsteigern — und 25 Balti-Trägern sowie zwei Basislagerköchen den Weg zum Baltoro-Gletscher. Es ist Hochsom­mer, und ich habe endlich wieder lange Träume.

Das Aufwachen am frühen Morgen ist kein Aus-dem-Wahnsinn-Fallen mehr wie am Kangchendzönga. Am Morgen weckt das Windgeräusch auf der Zeltplane meine Seele. Noch

  • kangchendzönga messner
  • disteghil sar peak
  • willenpart joe krank
  • Kangchendzönga
  • georg bachler 8000er qualitäten
  • bergzeit.co
  • kangchendzönga trekking
  • Kangchendzönga messner 1982
  • 8000er berge

 

 

 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

More from our blog

See all posts
 
 
No Comments