Expedition in den Westalpen

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Was andere im Frühjahr auf Skiern machen, das haben sich Peter Altmannsperger und Frank Tappert zu Fuß vorgenommen : die Durchquerung der Westalpen von Chamonix nach Saas-Fee. Zwanzig Tage brauchten die beiden Bergsteiger für ihre Marathontour, für die sie vorher eigene Verpflegungsdepots einrichteten. Wie es ihnen ergangen ist, das schildert Peter Altmannsperger in Auszügen aus seinem Tagebuch.

Die „Haute Route“ durch die West­alpen wird normalerweise in den Frühlingsmonaten mit Skiern gefahren. Wir wollten die Tour zu Fuß bewältigen, und zwar ohne Anlehnung an die dünngestreuten Hütten. Die Idee einer autarken Durchquerung im Expe­ditionsstil, mit drei Verpflegungsdepots und mit einem sturmerprobten Zwei­mannzelt, ließ uns nicht mehr los.

Expedition in den Westalpen 05Im Juli 1985 ist es dann soweit. Über ein halbes Jahr der Vorbereitung und der Planung ist zu Ende. Die letzten Dosen vakuumverpackten Brotes werden be­sorgt, die Landjäger in Plastiktüten luft­dicht eingeschweißt. Die Depotkisten, aus Holz gezimmert und zum Ausgleich größerer Temperaturschwankungen mit einer Styroporschicht ausgeschlagen, wiegen etwa dreißig Kilo.

Das erste Depot errichten wir oberhalb von Zermatt, irgendwo in der Nähe des Steiges, der zu den Berghäusern von Zmutt führt. Auf dem Deckel bringen wir sicherheitshalber folgende Auf­schrift an: „Bitte diese Kiste nicht weg­nehmen oder leeren! Sie enthält lebens­notwendige Verpflegung für zwei Berg­steiger. Sie wird in den nächsten Tagen abgeholt.“

Geduldig hämmert uns der Boxermotor zum Lac de Mauvoisin. Der Aufstieg zum Depot II ist anstrengender als er­wartet. Wir sind noch nicht akklimati­siert und müssen uns erst an den unbe­holfenen Gang in unseren Kunststoff­bergstiefeln gewöhnen. In 2200 Meter Höhe finden wir in grobem Blockwerk ein geeignetes Versteck. Oberhalb von Som-la-Proz vergraben wir dann Depot III. Die Kiste wird mit Steinen abge­deckt, die wir zu einem Hügel aufschich­ten und mit Moos tarnen; wir nennen es das „Hünengrab“.

Am. Abend erreichen wir Chamonix. Ich schreibe in mein Tagebuch: „Beim An­blick der vernebelten, kalten Bergflan­ken schwindet mein Optimismus plötzlich, und die Ungewißheit vor der an­strengenden Aufgabe steigert sich bis zur Angst. Am liebsten möchte ich nach Hause zurückfahren und auf weißgestri­chenen Gartenmöbeln in der Sonne sit­zen. Doch andererseits fühle ich mich frei.“

Frank und ich fahren zum letzten Haus von Les Gens, oberhalb von Les Houches, und stellen unser Auto ab. Aus verwittertem Dachgebälk bahnt sich der Kopf einer weißhaarigen Frau einen Weg durch rote Geranien. „Montblanc — Haute Route — Zermatt“, deute ich unser Vorhaben an. Der Rucksack zieht so stark, daß ich kaum mit dem Arm auf den Montblanc deuten kann.

„Bon voyage, monsieur, bonne route.“ Gutmütig und nachdenklich schaut die alte Frau hinter uns her.

Wir erreichen einen steilen Pfad im Bergwald. Er wird wohl kaum noch begangen, seit man das Nid d’Aigle, den „Adlerhorst“, mit Hilfe einer Zahnrad­bahn erreichen kann. Und genau das wollen wir nicht. Ein autarkes Unterneh­men … Wir schlagen unser Zelt an einem Bach auf. Auf dem Kocher blub­bert Eintopf.

Expedition in den Westalpen 04Mir ist an diesem Abend sonderbar zumute. Ich beginne erst nach und nach zu begreifen, daß das Unternehmen wirklich begonnen hat. Da liegen wir ne­beneinander im Zelt, tief unter den be­waldeten Flanken des großen Mont­blanc, mit uns und der Ausrüstung al­lein. Haben wir die Kraft für diesen Berg?

Zwei Tage später. Es ist ein Uhr nachts. Über dem Dôme du Gôuter steht das glitzernde Band der Milchstraße, umge­ben von unzähligen, in der Kälte fun­kelnden Sternen. Bei langem Hinschau­en scheinen es immer mehr zu werden. In ruhigem Rhythmus stapfen wir über den hartgefrorenen Schnee. An den bei­den Höckern des Bosses-Grates wird der Aufstieg steiler, der Schnee härter. Zeitweise leuchtet uns der Mond so hell, daß wir die Stirnlampen ausschalten und die Batterie schonen können. Schemenhafte Umrisse von Gipfeln verleihen der nähe­ren Umgebung ein gespenstisches Aus­sehen.

Zum Gipfel hin wird die Hangneigung extremer. Der Grat ist hier gerade noch so breit, wie ein Schuh lang ist. Unsere Lungen pfeifen bei jedem Schritt. Wir zählen jeweils bis vierzig, dann bleiben wir kurz stehen.

Plötzlich geht es nicht mehr höher. Um sechs Uhr morgens stehen wir auf dem Dach Europas, auf dem Gipfel des Montblanc. Was ist das für eine schwin­gende Stille, was für ein Singen in der Luft?

Mit Wut gegenden Gletscher

Wir blicken in die aufgehende Sonne, deren Licht die Morgenröte über den Gipfeln von dem stahlblauen Horizont wie mit einem Lineal trennt. Wir sind dem Tag entgegengegangen.

Mittags ruhen wir uns im Zelt aus. Mein Kopf

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