Touren rund um König Ortlert Skifrühling in Südtirol

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Das höchste Bergmassiv der gesamten Ostalpen ist die Ortlergruppe in Südtirol. Die Flanken der vergletscherten Bergriesen sind auch im Frühsommer noch für unvergeßliche Tiefschnee-Erlebnisse gut.  Stützpunkt ist die Casatihütte.

Südtirol zeigt sich von seiner Schokoladenseite: blitzblauer Himmel, strahlender Sonnenschein. Hoch oben locken die mächtigen Gipfel des Ortlermassivs mit ihren bläulich schimmernden Glet­schern, tief drunten glänzen dunkle Schindeldächer in der Mittagssonne. Wie eine schwarze Schlange zieht sich die schmale Straße durch das schneebe­deckte Tal. Sulden ist Endstation — zu­mindest für die vierrädrigen Aufstiegs­hilfen. Mit der Gondelbahn kann man sich bis auf 2581 Meter hochschaukeln lassen. Wer weiter nach Süden will, hinauf auf die Casatihütte und die Glet­scher des Cevedale, der muß auf die ei­gene Muskelkraft zurückgreifen.

ortler 01Wie schweißtreibend das ist, merken wir schon nach den ersten Aufstiegsmetern. In dem Kessel unterhalb der Eisseespitze verwandelt die Frühjahrssonne den Schnee in dicken Brei. Wir entledi­gen uns aller überflüssigen Pullover und tanken einen tiefen Schluck Tee aus der Thermoskanne — die ausgerechnet heute besonders gut warm hält. Dann folgen wir Schritt für Schritt den weiten Ser­pentinen der Aufstiegsspur. Majestätisch ragen die wasserblauen Eismassen des Suldenferners in den dunklen Berg­himmel. Der Pappschnee verschluckt die Geräuschkulisse des Suldener Skizirkus: Motorbrummen und Stimmengewirr werden leiser.

Nach zwei Stunden endet abrupt das Frühjahrs-Tourenerlebnis: Am Eissee­paß empfängt uns schneidender Wind. Dick vermummt in alle verfügbaren Jacken, durchqueren wir die Hochebene, vorbei an Eissee- und Suldenspitze. Wenn man den letzten schneebedeckten Riesen umrundet hat, öffnet sich der langersehnte Blick auf den Cevedale. Vor seiner mächtigen Eisflanke, inmit­ten der unwirtlichen Schneewüste, er­wartet uns die Casatihütte, unser Stütz­punkt für die geplanten Touren auf Cevedale, Zufallspitze, Monte Rosole und Königspitze. Nach wohlverdienter Brotzeit und ausgiebiger Hüttenruhe präsentiert uns der Ortler einen Bilder­buchtag: ideal für eine Tour auf den Cevedale. Die Sonne schiebt ihre ersten Strahlen über den Sattel, wir schieben uns im Schatten der Bergriesen hinauf über den Zufallferner — bei guter Sicht und herrlichem Schnee eine reine Ge­nußtour.

Der eigentliche Anstieg beginnt erst am Fuß der Nordwestwand, direkt unterm Grat zwischen Cevedale und Zufallspit­ze. Die kurzen, steilen Serpentinen der Aufstiegsspur sind ausgetreten, führen uns vorbei an eindrucksvollen Eisklüf­ten — wir sind dem Erfinder von Harsch-eisen einmal wieder zu tiefem Dank verpflichtet. Oben auf dem Sattel emp­fängt uns das sonnenüberflutete Dolo­mitenpanorama. Eiskalter Schönwetter­wind strudelt uns funkelnde Kristalle entgegen. Im Schneegestöber kämpfen wir uns die Südflanke hinauf zum Gipfel des Cevedale. Im Windschatten einer Wächte genießen wir den Blick auf Ada­mello und Brenta. Hier oben ist das Kniezittern vom Aufstieg aber dann schnell vergessen.

Die Gratwanderung hinüber zur Zufall-spitze, der kleinen Schwester des Ceve-dale, ist ein optischer Hochgenuß : Die Südalpen liegen uns zu Füßen. Im Nord­westen steht der pyramidenförmige Zuckerhut der Königspitze, stolze 3859 Meter hoch. Von der Zufallspitze aus läßt sich die Aufstiegsroute über die Südostflanke gut erkunden. In der war­men Nachmittagssonne auf der Terrasse gleichen wir unser Flüssigkeitsdefizit wieder aus. Wir erfahren, daß die nor­male Aufstiegsroute auf die Königspitze bei dem herrlichen Frühlingswetter kein Problem ist — zumindest nicht für Früh­aufsteher.

Zu denen zählen wir normalerweise nicht unbedingt, aber das Überwinden des inneren Faulpelzes, der sich gern noch einmal unter der Decke zusam­mengerollt hätte, lohnt sich: Ein strah­lender Bergmorgen erwartet uns. Auf dem hartgefrorenen Pappschnee vom Vortag schwingen wir hinunter in die Gletschermulde — wohl dem, der seine Kanten geschliffen hat. Auf der flach auslaufenden Gletscherzunge kommt man zügig voran. Langsam erreicht uns die Morgensonne. Hinter den weiten Tiefschneehängen lockt die Königspitze, eine strahlend weiße Pyramide. Der ge­mütliche Teil der Tour endet hundert Meter unterm Königsjoch. Von da geht’s fast senkrecht hinauf auf den Sattel. Schweißgebadet gönnen wir uns eine kurze Verschnaufpause. Beim Sturm auf die letzten 500 Höhenmeter macht sich gute Kondition bezahlt: Ein 3859-Me­ter-Gipfel will erkämpft sein. Mit den heißen Strahlen der Aprilsonne im Nak­ken, sind wir froh um jede kühle Minute, die wir in der Früh‘ gewonnen haben. Die Belohnung für den Aufstiegs­schweiß : die Rast am Gipfel, das Pan­orama, die Brotzeit und ein unvergessliches Tiefschnee-Erlebnis in dem aufge­firnten Hang bis hinunter auf die Glet­scherzunge. Bergab ist die Südostflanke ein wahrer Genuß.

Der Eishang unterhalb der Casatihütte, über den wir am Morgen geschlittert wa­ren, liegt jetzt als zerfurchte, pappige Masse in der Nachmittagssonne. Nach sieben Stunden Tour sehnen wir uns zum erstenmal nach einem Skilift. Weit und breit ist keiner zu sehen, der diesen Wunsch erfüllen könnte — wir kleben die Felle auf und machen uns mit eigener Kraft auf den Weg zur Hütte.

Schaubachhuette vor Ortler - Zebru - Gran ZebruAm letzten Abend unserer Ortlertour sorgen hohe Wolken für trübe Stim­mung. Nachts schütten dicke Schnee­wolken ihren weißen Ballast auf die zerfurchten Abfahrten.

Bei null Sicht, aber traumhaften Schnee­verhältnissen machen wir uns auf den Rückweg. Der vom Neuschnee halb ver­blasenen Aufstiegsspur folgend, tasten wir uns hinunter bis zur Schaubachhütte. Der Suldener Skizirkus ist wie ausgestor­ben. Kaum ein Skihaserl wagt sich bei dem Sauwetter auf die Piste. Ein paar Spaziergänger schütteln ungläubig die Köpfe: Vor ihren Augen tauchen sechs dickvermummte Gestalten mit hohen Rucksäcken aus dem Nebel auf — wie Wesen von einem anderen Stern.

Die Touren

Von der Schaubachhütte zur Casatihütte (3254 Meter)

Zeit: ca. 3 Stunden, Höhenunterschied 650 Meter

Von Sulden mit der Seilbahn zur Schau­bachhütte fahren oder entlang der Piste aufsteigen. Von der Bergstation aus Richtung Süden gehen, die Piste kreu­zen, dann steigt man an der Nordflanke der Eisseespitze auf. Bis zum Eisseepaß aufsteigen, dann an Eisseespitze und Suldenspitze vorbei nach Süden zur Ca­satihütte. Wer noch Energie hat, der kann einen Abstecher auf die Suldenspitze (3376 Meter) machen – von der Casatihütte aus etwa 30 Minuten.

Cevedale (3778 Meter) und Zufallspitzen (3757 Meter)

Zeit: von der Casatihütte etwa 2 Stunden Aufstieg

Über den Zufallferner und den Fürkele­ferner geht man in Richtung Süden direkt auf den Grat zwischen Cevedale und Zufallspitze zu. Der eigentliche An­stieg erfolgt in kurzen Serpentinen. Bei geringer Schneelage muß man sich auf Gletscherspalten gefaßt machen. Hat man den Grat erklommen, so kann man rechts auf den Cevedale, nach links zur nördlichen Zufallspitze gehen. Die Grat­wanderung ist etwas für Schwindelfreie. Zurück zur Casatihütte fährt man am be­sten entlang der Aufstiegsspur.

Monte Rosole (3529 Meter) und Palon della Mare (3708 Meter)

Zeit: von der Casatihütte 4-5 Stunden (ca. 500 Höhenmeter)

Anstieg wie auf den Cevedale bis zum Grat. Von dort fährt man über die Süd­flanke ab: bei guten Schneeverhältnissen ein traumhaftes Skivergnügen. Geht man weiter in Richtung Süden, so kommt man über einen leichten Anstieg auf den Monte Rosole. Der Übergang auf den Palon della Mare ist unproble­matisch. Vor allem im Frühjahr bieten sich hier optimale Tourenbedingungen. Bei der Abfahrt zur Brancahütte ist Vorsicht angebracht: Der Weg führt über eine lange Gletscherzunge.

Königspitze (3859 Meter)

Zeit: Aufstieg von der Casatihütte 4-5 Stunden (1000 Höhenmeter)

Skitour für Frühaufsteher: Beim Anstieg kann es vor allem im Frühjahr sehr heiß werden. Von der Hütte aus muß man erst einmal 300 Meter ins Tal abfahren. Hat man die Gletschermulde erreicht, so folgt man dem Cedecferner in Richtung Königspitze. Der Anstieg führt an Schrötterhorn und Kreilspitze vorbei. Einfache Tour bis zum Einstieg in die Scharte unterm Königsjoch. Steiler An­stieg aufs Joch mit Steinschlaggefahr. Der Normalaufstieg führt weiter über die Südostflanke der Königspitze – wird nach oben zu immer steiler (45-50 Grad). Im Frühjahr traumhafte Firnab­fahrt für Könner. Weiter unten auf dem Cedecferner weite, flache Hänge. Auf dem Rückweg zur Casatihütte sollte man die Südhänge unterhalb der Suldenspit­ze meiden, da sie lawinengefährlich sind. Vom Ferner steigt man von Südwe­sten wieder zur Casatihütte auf.

Casatihütte (3254 Meter), über Zufall­hütte (2264 Meter) zur Hinteren Schön­aufspitze (3324 Meter) nach Sulden (1845 Meter)

Zeit: ca. 7 Stunden

Die Tour ist nur bei guten Schneever­hältnissen möglich – im Frühjahr ist es um die Zufallhütte oft schon aper. Von der Casatihütte fährt man in Richtung Osten, an der Nordflanke des Zangen­ferners. Bei 2800 Meter führt die Abfahrt über einen Moränenhügel flach hinunter zur Zufallhütte. Von dort geht man das Madritschtal aufwärts bis zum Joch. Die letzten 200 Höhenmeter auf die Hintere Schönaufspitze an der Ostseite des Rückens entlanggehen. Abfahrt nach Sulden über Schaubachhütte und durch das er­schlossene Skigebiet.

ALPIN

Anreise: Über Innsbruck, Brenner, Sterzing, Meran nach Spondinig. Oder über Garmisch, Landeck, Nauders nach Spon­dinig. In Spondinig nach Süden über Prad nach Sulden. An der Talstation der Gon­delbahn gibt es gute Parkmöglichkeiten

Jahreszeit: Spätwinter bis Frühsommer. Der Normalanstieg auf den Cevedale ist im Herbst und im späten Frühjahr wegen Blankeis problematisch.

Auskunft: Fremdenverkehrsamt Sulden

Hütten: Casatihütte, 3254 Meter, Zufall­hütte, 2264 Meter, Pizzinihütte, 2706 Me­ter, Schaubachhütte, 2581 Meter.

Führer: Peter Holl, Ortlergruppe, Berg­verlag Rother, München. Peter Holl, Klei­ner Führer Ostalpen, Bergverlag Rother, München.

Karten: Freytag und Berndt, Touristen­karte, 1:100 000, Blatt 46.

Touring Club Italiano, 1:50 000, Gruppo Orties Cevedale.

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