Über die erste winterbesteigung der Dru-Westwand – René Desmaison

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René Desmaison (55) war von  Mitte der fünfziger bis Mitte der siebziger Jahre einer der berühmtesten Alpinisten Frankreichs. Wie sein bergsteigender Konkurrent aus Italien, Walter Bonatti, machte der Bergführer aus Chamonix besonders mit Winterbegehungen von schwersten Routen von sich reden. Auch Mißerfolge nahmen ihm nicht den Mut, es immer wieder zu versuchen. Bei einer neuen Direktroute an der Grandes Jorasses zum Beispiel hielt ihn der Sturm tagelang in der Nordwand fest, neben ihm der Leichnam seines Kameraden, der an Erschöpfung gestorben war. Der erste winterliche Erfolg des unglaublich zähen Franzosen war 1957 die Westwand der Dru. Die Schilderung entnehmen wir seinem Buch „Berge — meine Leidenschaft“, 1973 erschienen im Albert Müller Verlag, Rüschlikon Ferienwohnung Alanya.
Aiguille du DruDie Dru-Westwand, warum denn nicht? Zu jener Zeit war noch keine Wand dieses Schwierigkeitsgrades im Winter bestiegen worden. Wir gaben uns Rechenschaft darüber, daß ein Erfolg zum Markstein würde in der Geschichte der winterlichen Erschließung der Berge. Noch blieben uns drei Monate zur Vorbereitung. So trainierten wir an jedem Wochenende in Fontainebleau oder an den Klippen von Saussois, Wetter hin oder her. Ein Freund in Chamonix soll uns melden, wenn die Verhältnisse gut scheinen. Der Januar geht vorbei, auch im Februar ist nichts zu machen, März ist da, bald wird der Winter vorbei sein, wie wir voller Unruhe feststellen. Endlich kommt Meldung: Seit acht Tagen sei das Wetter stabil schön. Früh am andern Morgen fahren wir los, Jeans Deuxchevaux ist beladen bis unters Dach, Durchschnittstempo 50 und zwölf Stunden bis zum Fuß des Montblanc. Von Chamonix bis zum Fuß der Dru sind 1800 Meter Höhenunterschied. Wir benötigen sechs Stunden bis zum Rognon, mit unsern 20 Kilo auf dem Rücken sinken wir oft bis zu den Oberschenkeln ein Dristenkopf.
Nach kurzer Rast und Mahlzeit geht’s weiter. Im Sommer braucht man vom Rognon bis zum Einstiegscouloir 20 Minuten. Jetzt aber müssen wir einen wahren Schützengraben treten, was eine Stunde beansprucht. Der Zugang zum Couloir wird durch eine Schneewächte versperrt. Bei jedem Versuch bricht ein Stück ab, und so sehen wir bald wie Schneemänner aus. Bei einem weiteren Versuch steigt Jean auf meine Schulter. Je höher er sich aufrichtet, desto tiefer sinke ich in den Schnee. So lege ich meinen Rucksack auf den festgetretenen Schnee, lade den Sack von Jean auf meine Schultern, Jean auf diesen Sack. So klappt’s endlich. Im Couloir selbst ist der Schnee fester. Wie schnell die Zeit vergeht. Um vier Uhr nachmittags sind wir erst 100 Meter oberhalb des Bergschrundes. So werden wir die Terrassen an der Basis der Wand nicht vor der Nacht erreichen. Höher oben wird’s steiler, Eis kommt zum Vorschein. Mit den schweren Säcken werden wir nicht frei gehen dürfen, sondern Stufen schlagen müssen. Gegen Westen bildet eine dunkle Wolkenbank den Horizont. Jean fühlt sich plötzlich müde, er klagt über Ma-genschmerzen. So entschließen wir uns, am Rand des Couloirs auf einer kleinen Stufe zu biwakieren: Von hier aus kön-nen wir uns im schlimmsten Fall ohne weiteres zurückziehen. Wir kochen Tee. Am nächsten Morgen, Montag, ist der Himmel wieder klar. Auch Jean fühlt sich besser. Um neun Uhr steigen wir weiter. Ich gehe voraus. Stellenweise tritt vereister Fels zutage und bremst unser Tempo. Die Felsen am Couloirrand scheinen ein besseres Durchkommen zu ermöglichen. Aber schon nach wenigen Metern werden die Schwierigkeiten extrem und zwingen mich in die Couloirmitte zurück. Auf 60 Metern schlage ich Stufen. Wir fühlen uns sehr ausgesetzt, doch bleibt jeder Steinschlag oder Lawinengang aus. Um vier Uhr nachmittags erreichen wir erleichtert die ersten Felspartien der Wand. Erst hier gestatten wir uns eine Rast. Jean hat sich wiedergefunden, er steigt nun voraus, ich kann aufatmen. Mit dem Einfallen der Nacht erreichen wir einen guten Biwakplatz. Hier beginnen die wirklichen Schwierigkeiten. Mit Pickelschlägen schaffen wir den Schnee weg, um uns ausstrecken zu können. Wir sind zu müde, noch viel zu essen; in unseren Schlafsäcken dösen wir bald ein.
Dienstag früh. Wir fühlen uns nicht recht in Form. „Jean, wie fühlst du dich?“ — „Nicht besonders, ich hab‘ einen schweren Kopf.“ Gähnen, Stille. Um diese Zeit sollten wir 50 Meter höher oben sein, doch keiner will aus seinem Sack heraus. Seit zwei Tagen sind wir unterwegs, 20 anstrengende Stunden liegen hinter uns, und wir sind erst beim wirklichen Einstieg. Im Sommer wären hierfür fünf bis sechs Stunden nötig gewesen. Wir spekulieren, daß in der steiler werdenden Wand weniger Schnee anzutreffen ist; anderseits wird die

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