Achttausender Besteigung: Expedition oder Bergtour? Nanga Parbat

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Georg Bachler zählt zu den profiliertesten österreichischen Alpi­nisten. Hier setzt er sich mit dem »Acht­tausender-Ausver­kauf« und den Ent­wicklungen im Himalaya-Spitzenberg­steigen auseinander.

Im Frühjahr war ich am Kangchendzönga. Mit meinem Freund Hanns Schell versuchte ich über die Südwest-Flanke den Haupt­gipfel zu erreichen, unter­stützt von vier Sherpas. Das Wetter spielte aber von Anfang an nicht mit. Am 23. Mai 1983, wir hatten erst Lager III aufgestellt, gab Hanns auf. Er sah bei diesen Verhältnissen keine Möglichkeit mehr, den Gipfel zu erreichen. Getrie­ben auch von seinen heimat­lichen Geschäften, mar­schierte er zurück.

Ich blieb noch, um zumindest die Hochlager zu räumen. Zwei Tage später kam sta­biles Schönwetter, wie zum Hohn für Hanns. Ich nutzte die Chance. Am späten Nach­mittag des 27. Mai errichtete ich mit den Sherpas Ang Nima und Kashan am Beginn der Gipfelwand ein letztes Bi­wakzelt auf 7800 Meter. Am 28. stieg ich alleine weiter zum Gipfel. Die Verhältnisse waren gut, das Wetter klar, beinahe windstill. Und schon nach fünf Stunden, die 800 m hohe, teilweise sehr schwie­rige Gipfelwand lag hinter mir, erreichte ich den leichten Firngrat der zum höchsten Punkt führte. Das einsame Gipfelerlebnis war großartig. Sechs Wochen später war ich am Nanga-Parbat. Alleine wollte ich über die Schellrou­te zum Gipfel. Offiziell war ich Teilnehmer einer öster­reichischen Gruppe.

Als ich zum Basislager kam, waren bereits drei Teams an der Schellroute, darunter zwei große japanische mit Tonnen von Ausrüstung. Es kam aber zur Tragödie. Den ersten To­ten gab es auf 7100 Meter Höhe. Ein Schneebrett brach ab. Tage später riß eine gewaltige Naßschneelawine das gesamte Lager I in die Tiefe. Drei Japaner fanden den Tod. Auch zwei Oster­reicher waren unter den Schneemassen, überlebten aber beinahe unverletzt.

Nur die Zahl 8000 gilt etwas

lm Basislager traf ich noch Edi Koblmüller und Fred Preßl. Vor einigen Tagen wa­ren sie am Gipfel.

Es war ziemlich schwierig, erzählten sie, aber im unteren Teil vom Einstieg zu Lager IV brauchte man nur mit den Jümarklemmen die dop­pelte Fixseilkette hinaufzu­steigen, meinte Fred.

Mir verging jeglicher Auf­trieb. Nicht nur wegen der Toten und meiner eitrigen Bronchitis, es war einfach kein alpiner Reiz mehr da. Fi­xierten Linien nachzusteigen ist für mich uninteressant, nur auf den Gipfel zu kommen, egal wie, ist mir zu we­nig. Eine andere Route war für mich nicht möglich.

Die Achttausender-Inflation ist perfekt. Die Regierungen Pakistans und Nepals verge­ben die Genehmigungen ent­sprechend der Nachfrage. Be­sonders Pakistan betreibt das Achttausendergeschäft im großen Stil. Heute bewegen sich Massen in diesen ehe­mals mystischen Zonen. Al­leine am Nanga Parbat waren dieses Jahr 14 Bergsteiger­gruppen unterwegs. Am Broad Peak waren zeitweise vier verschiedene Gruppen zur selben Zeit an derselben Rou­te. Das Lustige dabei ist, daß beinahe jede Gruppe erzählt, sie waren alleine am Berg, haben alleine den Gipfel be­stiegen. Natürlich im Westal­penstil, denn solange nur die Seile der anderen benützt werden, stört das nicht. Ehr­lichkeit ist auch am Berg eine schöne Sache, die Leistung schmälert sie keineswegs. Schade, daß nur die Achttau­sender bedeutend sind, zu­mindest in der Öffentlichkeit. So kommt es, daß neben Achttausendern herrliche Sechs- und Siebentausender unbestiegen bleiben. Berge, die alle Möglichkeiten bie­ten, die aber durch ihren Rie­sennachbarn, von den ge­blendeten Bergsteigern unbe­achtet bleiben. Ein Kletterpa­radies der Zukunft für Leute, die sich nicht nur mit Acht­tausendern schmücken wollen.

Schuld an dieser einseitigen Entwicklung sind wohl auch die Medien, die großteils nur von den Achttausendern be­richten. Manchmal unge­wollt, irregeführt von drama­tisierten, oft falschen Berich­ten von Teilnehmern, die einfach berühmt werden woll­ten. So entstanden manche Alpinhelden, die nur durch gewaltigen Materialeinsatz und Sherpahilfe Achttausen­dergipfel erreichten, in den Alpen aber oft nicht fähig sind, selbständig anspruchs­volle Touren zu machen.

Keine Urteilskraft der  alpinen Vereine?

Schuld daran sind auch die alpinen Institutionen, die lange Zeit nur Achttausen­derunternehmungen gespon­sert haben. Und hier nur sol­che, die riesig waren und viel kosteten. Einfache, oft nistisch viel hochwertigere

Unternehmungen zählen nicht.

Modern Denkende mußten auch damals schon durch die Finger schauen. Heute schei­nen die alpinen Vereine ins andere Extrem zu fallen. Sie unterstützen gar keine Hima­layafahrten mehr. Anschei­nend fehlt es hier am Urteils­vermögen der oft finanziell starken Vereine. Schade, denn so bleibt für manchen Bergsteiger, der was kann, der Zugang zum Himalaya ver­sperrt. Denn auch in der Sparform bleiben solche Un­ternehmungen teuer, egal ob sie Expedition oder Bergtour heißen.

Aber mehr und mehr hervor­ragenden Alpinisten gelingt es, sich im Himalaya auszu­toben. Und das Niveau der Spitzenkönner, oft Spitzen­draufgänger, ist enorm hoch. Es werden heute Leistungen vollbracht, die vor einigen Jahren — auch von der Idee her — noch unvorstellbar wa­ren. Diese Alpinisten, die in diesen neuen, weiten Dimen­sionen denken, setzen heute in den Weltbergen völlig neue Maßstäbe. Natürlich pro­fitiert man heute von den früheren Unternehmungen.

Für neue Maßstäbe zu große Risiken?

Viel, damals mühsam gewon­nenes Know-how, kann man durch Informationen erhalten, die Ausrüstung hat sich revo­lutionär entwickelt und vor al­lem wurden die psychologi­schen Schranken wegge­räumt. Durch Unterneh­mungen wie zum Beispiel die erste Besteigung des Mount Everest ohne Sauerstoffgeräte durch Messner und Habeler. Manchmal fürchte ich aber um diese Draufgänger. Die Gefahren ihrer Unterneh­mungen sind bei weitem nicht mehr kalkulierbar. Für die Weiterentwicklung des Alpinismus muß es wohl so sein. Die Sinnfrage aller­dings bleibt offen. Unternehmungen zu neuen, unerschlossenen Gebieten, zu undurchstiegenen Wänden an hohen Bergen und hochwer­tige Unternehmungen im Winter, sind wohl noch als Expeditionen zu bezeichnen. Die Besteigung von Achttau­sendern über schon begange­ne Routen, sind Bergtouren. Insgesamt ist aber die Frage ob Expedition oder Bergtour für mich nicht entscheidend.

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