Karakorum – Achttausender in Serie – Gasherbrum II – Hidden Peak – Broad Peak

No Comments
 
 

Swiss Baltoro Venture ’83 – Schweizer Expedition bestiegen drei Achttausender hintereinander in 15 Tagen

Es ist der 8. Juli 1983 — mit leichten Rucksäcken verlassen wir unser Basislager unter dem Broad Peak. Ganze zehn Tage hatten wir hier verbracht. Über die letzten Winterschneereste steigen wir ab, zurück in die Zivilisation. In zwei Wochen werde ich wieder Wichtigeres zu tun ha­ben als Achttausender zu besteigen. Immer wieder bleibe ich stehen und schaue zurück. Vor allem der Broad Peak fängt meinen Blick ein, jene Stelle auf 7100 Metern Höhe im steilen Gletscher, wo wir unser einziges Biwak verbracht haben. Und meine Gedanken folgen un­serer Spur zum Gipfel.

Am 27. Juni waren wir mit unseren 30 Kilo schweren Rucksäcken herüberge­wandert zum Westfuß des Broad Peak, wo ein provisorisches Lager aufgebaut wurde. In der folgenden Nacht schon brachen wir Richtung Gipfel auf.

Um fünf Uhr morgens bereits war die Stelle erreicht, wo vorausgegangene Expeditionen ihr erstes Lager aufstellten. Um acht Uhr abends schließlich waren wir am obligaten Platz für Lager II, auf 6500 Metern Höhe. Doch es ging weiter, erst auf 7100 Metern schaufelten wir eine Terrasse für unsere beiden winzigen Biwakzelte.

Nun machten sich auch die 2200 Höhenmeter, die wir an einem Tag zurückgelegt hatten, bemerkbar: Wir waren total erschöpft und völlig ausge­laugt.

Nur mit dem Allernötigsten im Rucksack, starten wir am nächsten Morgen um halb fünf Uhr. Jeder steigt für sich allein, das Seil bleibt im Rucksack. Unendlich lang und mühsam ist der Weg über die steile Gletscher­flanke, hinauf zu den oberen Seraks und zur 7900 Meter hoch gelegenen Scharte zwischen Haupt- und Mittelgipfel. Über den nicht endenwollenden Gipfelgrat hatten wir schon viel gehört und gelesen. Doch jetzt erleben wir seine Länge selbst. Gegen Tibet hängen abbruchbereite Wächten über senk­rechten Eis- und Felswänden. Wir ba­lancieren auf der Concordiaseite über einen schmalen Felssaum aufwärts. Vor mir klettert Fredy, und ich bin froh, daß er sich immer wieder ins Eis setzt, um etwas auszuruhen. Das gibt auch mir die Möglichkeit, Luft zu holen, hinaufzu­schauen zum nächsten Gratturm, in der Hoffnung, daß der Gipfel endlich näherrückt.

Zwei Stunden lang klettern wir über den Grat, bis er sich endlich verbreitert.

Ein letzter Aufschwung, dann können wir ihn sehen: Ohne Zweifel, jene flache Pyramide muß der Gipfel sein. Doch noch fehlen uns unendlich lange 300 Meter. Mir ist es gleich geworden, wie weit ich noch gehen muß. Ich will nur jenen Punkt erreichen, von dem jeder weitere Schritt ein Schritt Richtung Tal sein wird. Um 14 Uhr endlich haben wir diese Stelle erreicht: Wir stehen auf 8047 Metern Höhe, auf dem Broad Peak, dem dritten Achttausender un­serer Expedition innerhalb von 15 Tagen. Für mich ist es der zweite, nach dem Gasherbrum II.

Immer wieder stolpere ich im Geröll, das hinunterführt nach Concordia. Und immer wieder schaue ich zurück. Viel habe ich gegeben für diese Berge, viel geopfert und viel entbehrt. Nun wurden unsere kühnsten Erwartungen über­troffen. Sechs Wochen sind nur noch Erinnerung, und nicht mehr Traum. Eine innerliche Leere verspüre ich, denn mir wurde etwas genommen. Ich komme von hohen Gipfeln zurück, und mir fehlt irgendetwas. Ich habe keine neuen Ideen mehr, keinen Traum und kein Ziel mehr…

Gasherbrum II — in vier Tagen am Gipfel

Der Gedanke zu unserem Baltoro-Abenteuer hatte sich ganz allmählich entwickelt. 1982 ersuchte ich um die Genehmigung für den Broad Peak, gleichzeitig stellte Erhard Loretan den Antrag für den Hidden Peak. Auch als ich später noch den Gasherbrum Il ins Auge faßte, dachten wir nicht an einen neuen Rekord im Himalaya-Bergsteigen. Doch ganz allmählich kam mir der Ge­danke, zu beweisen, daß es möglich ist, ohne künstlichen Sauerstoff in einem Zug drei Achttausender zu bezwingen.

Am 7. Mai begannen wir mit dem zwölf Tage dauernden Anmarsch ins Basislager, das wir auf der Mittelmoräne des Abruzzi-Gletschers aufstellten. Es lag noch sehr viel Schnee, der viele der Spalten im Süd-Gasherbrum-Gletscher verdeckte. So fanden wir auf Anhieb einen Weg durch das Labyrinth aus Eis­türmen und Seraks. Auf 6000 Metern Höhe errichteten wir unser einziges festes Hochlager. Doch das Wetter war schlecht, der Berg ließ uns Zeit, in Form zu kommen und uns mit der Route und mit den Gefahren auseinanderzusetzen.

Endlich, am 12. Juni, ist das Wettei so gut, daß wir aufbrechen können. Bis zu den Hüften im Neuschnee ver­sinkend, spuren wir hinauf zum Süd­westgrat des Gasherbrum II, wo wir unsere Biwakzelte aufstellen. Am 14. Juni ist das Wetter immer noch hervorragend. Wir steigen bis zum Fuß der felsigen Gipfelpyramide, um dort auf 7400 Metern Höhe zum letzten Mal zu biwakieren. Am nächsten Morgen schon, um halb fünf Uhr, Zeit zum Aufbruch: Es weht ein bitter-kalter Wind, doch der Himmel ist nicht mehr so klar wie in den vergangenen Tagen. Als wir nach vier Stunden Aufstieg am Gipfelgrat stehen, müssen wir immer härter gegen den stärker werdenden Sturm kämpfen. Ich bin völlig am Ende. Warum gehe ich dennoch weiter? Wohl, weil die anderen weitergehen, und weil ich mich daran gewöhnt habe, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Um zwölf Uhr stehen wir auf dem höchsten Punkt. Wolken hüllen den Gipfel ein, das Wetter ver­schlechtert sich drastisch. Gegen vier Uhr nachmittags sind wir wieder unten an unserem Biwakplatz. Marcel, Erhard und Jean-Claude steigen weiter ab. Ich bleibe mit Fredy und Alfred oben, um ein letztes Mal auf 7 400 Metern zu biwakieren. Während der Nacht stürmt und schneit es ununterbrochen. Nur mit äußerster Willensanstrengung können wir uns am nächsten Morgen durch den tiefen Neuschnee hinunterkämpfen ins Lager I. Alfred hat erfrorene Finger­kuppen, die sich schon schwarz ver­färben, und auch ich verspüre leichte Erfrierungen an Fingern und Zehen.

Erlebnisse werden zur Erinnerung

Sechs Tage nach dem Erfolg am Gasherbrum II brechen Marcel und Erhard zum Hidden Peak auf. An einem Tag gelangen sie zum Gasherbrum-Sattel (6500 Meter), wo sie zum ersten Mal biwakieren. Am 22. Juni klettern sie in 14 Stunden auf teilweise neuer Route bis auf 7 100 Meter Höhe, wo sie nochmals übernachten. Am darauffolgenden Tag wühlen sie sich durch steile Schneefelder hinauf zum höchsten Punkt des Hidden Peak, einen Tag später folgen ihnen Pierre und Jean-Claude.

Jetzt, auf der Moräne des Godwin-Austen-Gletschers, auf dem Marsch Richtung Tal, sind die Erlebnisse vom Weg zu den Gipfeln und die spontanen Gefühle oben über den Wolken nur noch Erinnerung. Doch sie sind ein Teil von uns geworden. Erstmals in der Geschichte des Himalaya-Bergsteigens haben Menschen drei Achttausender innerhalb einer Expedition erstiegen. Doch hätten wir diesen Rekord nicht aufgestellt, hätten wir keinen einzigen Gipfel erreicht, wir wären jetzt dennoch ausgefüllt vom Augenblick.

  • karakorum leichte 6000er
  • schutzhütten verpachtung alpenverein

 

 

 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

More from our blog

See all posts
 
 
No Comments