Altchinesische Heilmethoden und moderne Expeditionsmedizin

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Einheit zwischen Geist und Körper

Expeditionsbergsteigen ist nicht nur ein Abenteuersport, sondern auch eine Weltanschauung, eine Philosophie. Einssein mit den Gefahren und mit der Gewaltigkeit der Acht­tausender ist eine der Grundvoraussetzungen für den Erfolg. Der Engländer Doug Scott beschäftigt sich seit Jahren mit fernöstlichem Gedankengut und versucht, Parallelen zum Expeditionsbergsteigen zu ziehen.

Chi’Po sprach: »In der Heilkunst werden die besten Ergebnisse erzielt, wenn Einheit besteht«. »Was heißt Einheit?« fragte der Kaiser. Chi’Po antwortete: »Sind die Sinne der Menschen verschlossen und ist die Weisheit verbannt, so haftet den Menschen Krankheit an. Man sollte daher ihre Gefühle und ihr Verlangen erforschen, ihren Wünschen und Ideen Folge leisten, denn dann stellt sich heraus, daß die, die Geist und Energie erlangt haben, mehr und mehr gedei­hen, während diejenigen untergehen, die Geist und Energie verlieren. «

»Ganz ausgezeichnet«, rief der Kaiser aus … So steht es im Standard­werk des Gelben Kaisers über Innere Medizin.

Die Ärzte im alten China bemühten sich, Ordnung und Gleichgewicht in alle Teilbereiche des Lebens ihrer Patienten zu bringen, damit »Chi«, der Hauch und die Energie des Lebens, den Menschen ungehindert durchdringen kann.

»Tao« — das Wecken dieser Le­benskraft — ist für diejenigen einfacher, die im Einklang mit der Natur, ohne die Schatten der modernen Zivilisation, leben, bei Menschen also, die einen Mittelweg finden können, indem sie sich vor Stumpfsinn und Reizüberflu­tung gleichermaßen hüten, die den Ausgleich zwischen »normalem« Ich­bewußtsein und dem Unterbewußten noch herstellen können. Im Altertum half der Arzt seinen Patienten, ihr Verlangen zu beherrschen und Abhän-gigkeit zu meistern, damit die »Chi«-Energie fließen kann. Die fernöstliche Medizin ging zweigleisig vor: Sie berück-sichtigte sowohl den Körper wie auch den Geist des Menschen.

Bei näherem Hinsehen erscheint es also sinnvoll, auch eine Expedition so zu planen, daß »Geist und Energie« gedei­hen können. Nur die allerwenigsten Menschen erlangen während ihres Le­bens Perfektion, und so ist es fraglich, ob es die perfekte Expedition überhaupt geben kann. Dennoch kann jede Ex­pedition gelingen, in Hinsicht auf größt­mögliches Verständnis und Selbster­kenntnis auf persönlicher Ebene. Und sie kann die Barrieren zu einem gewaltigen physischen Erleben der Berge überwinden.

Ehrgeiz

Jeder, der sich auf einen Achttausender vorbereitet, ist ehrgeizig, und daran ist prinzipiell nichts Schlechtes. Probleme entstehen erst dann, wenn ein oder mehrere Teilnehmer von der Idee des Erfolges so besessen sind, daß negative Gefühle die Unternehmung beeinflussen: Eifersucht, unkontrollier­barer Ärger, Furcht und Frustration verhindern Harmonie und schaden dem Energiefluß, der Liebe. Die Energie läßt nach und mit ihr die Mannschaft. Die Expeditionsmoral sinkt und die Ver­suchung liegt nahe, die Expedition aufzugeben — die Ausreden sind be­kannt: Wetter- und Schneeverhältnisse, Krankheit. Alles wird erwähnt, nur nicht die wirklichen Ursachen, der Mangel an Liebe. Ehrgeiz zehrt, nie kann er befriedigt werden, man kann ihn nur überwinden. Es ist schwer, aus dieser Tretmühle herauszufinden, doch es ist ein Sieg, wenn man es schafft.

Konkurrenz

Wer von uns kann schon von sich behaupten, das Problem, besser sein zu wollen als andere, hätte es für ihn noch nie gegeben? Der Konkurrenzkampf ist ein fester Bestandteil zwischenmensch­licher Beziehungen geworden, mit dem man überall dort rechnen muß, wo sich Hierarchien bilden unter Menschen, die sich zusammentun. Warum sollten wir Bergsteiger also annehmen, wir seien anders? Nur, wer im Bergsteigen das sieht, was es eigentlich ist, eine individuelle Wanderung auf einem Weg, der nicht besser und nicht schlechter ist als jeder andere, wird in der Lage sein, bescheiden vorzugehen und auch bescheiden zu sein.

In den ersten vier oder fünf Wochen einer Expedition tritt Heimweh auf. In der Regel schubweise. Meist von dem Zeitpunkt an, da sich die Mannschaft auf das gemeinsame Ziel einstellt und es ihr klar wird, daß alle im gleichen Boot sitzen, daß alle nur ein »Floß im Ozean« sind. Die De­pression wird solange anhalten, bis wir aufrichtige Liebe füreinander empfinden können. Dann erst ist man in der Lage, sich klarzumachen, daß man unmöglich an zwei Plätzen gleichzeitig sein kann ­zuhause und am Berg. Was für eine törichte Situation ist es doch, daß Bergsteiger sich immer dann nach den Bergen sehnen, wenn sie bequem zuhause sitzen, aber zuhause sein wollen, wenn sie unbequem im Gebirge sind. Wenn meine Gedanken ständig nach Hause wandern, ist es, als würde ich blinzeln. Doch wir müssen den Berg genau fixieren, wo Unerwartetes uns ständig aus der Routine bringt.

Ernährung

Die Ernährung spielt bei Expedi­tionen eine ungewöhnlich große Rolle, einmal wegen der großen körperlichen Anstrengung, die gehaltvolle Nahrung erfordert, zum anderen sind es die langen Perioden der Untätigkeit; wo oft nur die ständige Beschäftigung mit dem Essen, die Aufmerksamkeit des Bergsteigers fesseln kann.

Ich komme nicht umhin, auf die Vorteile vegetarischer Ernährung hinzu­weisen, obwohl ich weiß, daß für diejenigen, die Fleisch essen, Vegetarier immer die Zielscheibe des Spotts sind. Seit ich zu einer Ernährung auf vegetari­scher Basis übergegangen bin — mit Ausnahme von Fisch, den ich gelegent­lich esse — konnte ich feststellen, daß gebrochene oder ausgerenkte Gelenke und Finger, Verletzungen vom Rugby-spielen und Bergsteigen, nicht mehr so schmerzten und weniger steif waren, als zu der Zeit, da ich mich »normal« ernährte.

Seit ich 1978 meine Ernährung um­gestellt habe, fällt es mir auch leichter, mich in extremen Höhen zu akklimati­sieren. Dies mag eine sehr subjektive Einschätzung vieler komplexer physiolo­gischer Veränderungen sein, doch ha­ben auch Hindupilger festgestellt, daß ihnen eine fleischlose Kost hilft, die Symptome der »Bergkrankheit« zu mil­dern, beim Überschreiten hochgelege­ner Himalayapässe.

Die nepalischen Sherpas bevor­zugen Knoblauch und Chili, weil es bei der Akklimatisierung helfen soll. Auch die westliche Medizin hat festgestellt, daß Knoblauch durchblutungsfördernd wirkt. Dies kann durchaus ein Vorteil sein bei der Akklimatisierung in sauer­stoffarmer Luft. Doch es gibt noch eine ganze Reihe weiterer Gemüsesorten und Kräuter, die die Akklimatisierung er­leichtern sollen und den allgemeinen Gesundheitszustand bei Expeditionen in extremer Höhe verbessern.

Akklimatisierung

Es gibt für die Akklimatisierung keine Alternative zu einem langsamen Aufstieg, der es dem Körper erlaubt, sich ganz allmählich an die dünnere Luft in großen Höhen zu gewöhnen. Dies ist auch für Besteigungen im alpinen Stil absolut lebensnotwendig. Gewichtser­sparnis ist das A und 0, so daß auch an Nahrungsmitteln nur das Allernotwen­digste mitgeführt werden kann. Hima­layabergsteiger müssen nicht nur auf eine »Sherpa-Physiologie« hinarbeiten, son­dern sich auch um eine »Sherpa-Psychologie« bemühen, um in extremen Höhen überleben zu können. Die Sherpas begnügen sich mit ihrem geradlinigen Leben, sie machen wenige Dinge gut, statt viele schlecht. Nicht nur in ihren Handlungen, auch in Gedan­ken und Worten sind sie sparsam. Ihre Ruhe, Besonnenheit und gute Laune ist nur eine Folge ihres Lebensstils.

Manch einem kommt es vielleicht als Zeitverschwendung vor, darauf zu warten, bis jedes einzelne Expeditions­mitglied intuitiv spürt, wann der rich­tige Moment zum Aufbruch gekommen ist. Dann erst besteht Einheit darüber, welcher Route gefolgt wird, daß die Wetter- und Bergverhältnisse akzeptabel sind und die Akklimatisierung abge­schlossen ist.

Dann harmoniert die Mannschaft, und dann sollte mit dem Aufstieg begonnen werden.

  • BErgzeit Alpenverein

 

 

 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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