Ketterparadies über Chamonix

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Rotgelber Granit über dem Mer de Glace

Envers des Aiguilles: Ein Granitjuwel am Mer de Glace
Die Aufmerksamkeit aller Touri­stenkameras im Tal von Cha­monix richtet sich in erster Linie auf die Firnkuppel des Montblanc. Da­nach werden die Aiguilles des Drus, zwei­te Attraktion der Region, auf Zelluloid gebannt. Auf keiner Postkarte jedoch fin­det man die wilde Ästhetik eines echten Juwels der granitnen Welt zu Füßen des höchsten Berges Europas, die Nadeln von Envers des Aiguilles.

In diesem kleinen Paradies findet der Bergsteiger alles, was den Reiz des modernen Felskletterns ausmacht: grif­figen Granit, kurze Anmarschwege, ge­ringe objektive Gefahren, kurze Abstiege über eingerichtete Abseilpisten und nach Süden exponierte, sonnige Wände. In zweieinhalb Stunden erreicht man von der Bergstation der Zahnradbahn Cha­monix-Montenvers das Refuge de l’En­vers des Aiguilles, wo die Hüttenwirtin Babeth sich ganz der Sache ihrer klettern­den Gäste verschrieben hat. Sie weiß Be­scheid über die existierenden Routen, über den Zustand des Gletschers, über die Verhältnisse in den Wänden, die man in nur 15 Minuten erreicht: die Ost- und Südwände der Aiguille de Roc sowie de­ren beiden Trabanten, Tour Rouge und Pointe Elisabeth. Etwas länger mar­schiert man zu den berühmten Wänden der Aiguille du Fou, der Pointe Lepiney und der Aiguille de Ciseaux.

Ein neuer Trend im Chamonix?

Bis vor wenigen Jahren hielten sich die Bergtouren um die Envers-Hütte im kon­ventionellen Rahmen: Die Routen ende­ten auf Gipfeln, und die Begeher mußten stets die teils heiklen Abstiege durch ver­eiste Rinnen in Kauf nehmen. Die Beto­nung des sportlichen Aspekts im Felsklettern der letzten Jahre brachten eine größere Bedeutung des freien Kletterns, ohne Haken zur Fortbewegung, und eine konsequente Steigerung der Schwierig­keiten mit sich. Der Gipfel wurde zweit­rangig, die durchstiegene Wand und deren Anforderungen zählten. Im Zuge dieser Entwicklung fand natürlich auch der Bohrhaken, ebenso wie in  den gebirgsfernen Klettergebieten, wo dieser neue Trend geboren wurde, immer häufiger Anwendung als Sicherungsmit­tel in den kompakten Granitplatten. Un­terdessen verwenden wir ihn hier genauso oft und ausgiebig wie im Klettergarten. Doch unser Ziel ist es, die Bohrhaken während des Kletterns zu setzen. Ich sage, es ist unser Ziel, denn mindestens drei Neutouren des vergangenen Jahres wur­den durch Abseilen erkundet und dabei mit den notwendigen Haken ausgerüstet: »Panoramix« am Grand Capucin, die neue Route von P. Grenier und P. Garni­son an der Tour Rouge und unsere Erstbe­gehung »Une sale affaire de sexe et de cri­me« in den Platten unterhalb von Envers des Aiguilles. Ich persönlich jedoch halte eine von unten eröffnete Route unter sportlichen Gesichtspunkten für viel wertvoller, zumal es sich gezeigt hat, daß man heute auch Stellen des VIII. Grades ohne vorheriges Erkunden aus dem Ab­seilsitz klettern kann.

Neuland an der Aiguille de Roc

Bis zum Jahr 1982 gab es an dieser großar­tigen Granitnadel, einem Vorgipfel des Grepon, nur vier Anstiege: den Normal­weg, den Südostgrat, den Südpfeiler (Cordier) und die »Dièdre des Mousque­taires« (Troussier). Als ich im August 1982 mit Nicholas Schenkel in der unbe­rührten Ostwand der »Roc« der logisch­sten und leichtesten Linie folgte, da wuß­ten wir noch nicht, daß diese Route (»Children of the Moon«) der Beginn einer atemberaubenden Erschließung dieses Gebietes werden sollte. Schon zwei Tage später kam ich mit Marc Batard zu­rück, um in der gleichen Wand, durch den auffallenden, roten Pfeiler weiter rechts, die Führe »Pyramid« zu eröffnen. Fast 100 Kletterer wiederholten im letz­ten Jahr diese beiden Rißklettereien, in denen kaum Haken stecken, die man

Glatte Platten und rauhe Risse

aber mit Klemmkeilen bestens absichern kann.

In einem wahren Granitrausch klang das Jahr 1982 aus: Marc Batard, Charles Delamonica und ich fanden in der Süd­ostwand der Aiguille des Roc »Subtilités dulferiennes«. Fotografen sollten vor der zehnten Seillänge unbedingt einen neuen Film in die Kamera einlegen — die unver­geßliche Verschneidung ist diese Mühe wert!

Im vergangenen Jahr setzten wir dann un­sere Suche nach Neutouren fort: Bereits im Juli gelang mir, zusammen mit Gerard Hopfgartner, an der Tour Rouge »Mar­chand du Sable». 13 Bohrhaken stecken in dieser großartigen Route, die schnell in Mode kam, 20 Seilschaften folgten be­reits unseren Spuren, und alle lobten die Qualität der Kletterei. »Marchand du Sa­ble« wies die neue Richtung in der Ge­gend von Envers: technisch ausgefeilte Kletterei an glatten Granitplatten, abge­sichert durch das Notwendigste an Bohr­haken.

Nur zwei Anstiege gab es bis 1983 an der Tour Rouge, den Normalweg von 1882 und den Nordostgrat von 1982. Kurz hin­tereinander wurden nun im letzten Jahr vier Routen eröffnet: unser »Marchand du Sable«, dann »5. Dynastie« (Bonnet) und »Microcosmos» (Troussier), ausschließlich Klemmkeile zur. Sicherung ganz im Gegensatz zu der Führe von P. Camison und Ph. Grenier in der die Bohrhaken zum Teil beim Abseilen gesetzt wurden.

Einen Rekordandrang erlebte natürlich nochmals die Ostwand der Aiguille de Roc. P. Camison, Ph. Grenier und Th. Renault eröffneten »Fantasmes« und »Voyage au Bout de l’Envers«, bevor ich mit Marco Pedrini »Eyes in the Sky» über die riesige Platte zwischen »Children of the Moon« und »Pyramid« fand. Das her­vorragende Wetter im September zwang uns geradezu, links von »Children» eine weitere Plattenflucht mit Bohrhaken aus­zurüsten und sie zusammen mit Gérard Hopfgartner am 24. zu durchsteigen. »Gemini« (VIb) trifft nach der sechsten Seillänge auf »Eyes in the Sky«, der man bis zum Ausstieg folgt. Dank der soliden Bohrhaken an den Standplätzen bietet sich »Gemini« geradezu als Abseilpiste für sämtliche Routen in diesem Wandbe­reich an.

Die geschliffenen Platten von Envers

Folgt man vom Bahnhof Montenvers nicht dem Hüttenweg hinauf zum Refuge de l’Envers des Aiguilles, sondern mar­schiert vielleicht 1 1 /2 Stunden über das Mer de Glace, so steht man beim Zusam­menfluß von Tacul- und Leschauxglet­scher unter herrlichen, geneigten Glet­scherschliffplatten: Ein weiteres Kletter-Kleinod der Region von Envers. Vier Routen konnten wir im vergangenen Jahr dort eröffnen, die alle mit den notwendi­gen Sicherungshaken ausgestattet sind.

Die jeweils erste Seillänge ist ein kom­promißloser Test für die Sohlen der Klet­terschuhe: Stehenbleiben bedeutet un­ausweichlich Abrutschen, ständige Fuß­arbeit ist der Schlüssel zum Höherkom­men. In den oberen Seillängen wird der Granit rauher und gegliederter, das ner­venaufreibende Spiel mit dem Ausrut­schen kann dem kontrollierten Griff-Tritt-Klettern weichen. Während sich die «Voie Georges« und »Vingt mille lieus sous la neige« für den gemäßigten Klet­terer lohnen, ist »Une’sale affaire de sexe et de crime« eine der schwersten Klette­reien im gesamten Montblanc-Gebiet. Sie leitet mitten durch die riesige, kom­pakte Platte, die durch Fluorit-Einlage­rungen rötlich gefärbt ist. Georges Bet­tembourg, unser Freund, suchte dieses seltene Mineral mit Begeisterung — Geor­ges, unserem Freund, der an der Verte tödlich verunglückte, widmeten wir diese Route.

Manch einer wird mich kritisieren, daß ich unser kleines Granitparadies dem unvermeidlichen Schicksal der Über­völkerung durch Kletterer ausliefere. Vielleicht kann ich diesem Vorwurf da­durch begegnen, daß ich versichere, daß alles, was ich hier geschrieben habe, nichts ist als Lügen und Märchen, daß es im Refuge de l’Envers des Aiguilles spukt, und daß der Fels aus fürchterlich locke­rem, sandigem Trümmergestein besteht — überzeugt euch selbst davon!

Das Wichtigste  auf einen Blick

Talort: Chamonix, 1037 Meter, im Tal der Arve. Talort der Zahnradbahn nach Montenvers (1909 Meter).

Stützpunkt: Refuge de l’Envers des Ai­guilles, 2520 Meter, Eigentum des CAF, bewartet, 50 Lager. Von Mont-envers hinab auf das Mer de Glace (mark.), bei Farbmarkierung rechts über die Seitenmoräne anfangs steil, später flacher, unter dem Glacier de la Trèlaporte entlang zur Hütte, 2 1/2 bis 3 Stunden.

Charakteristik: Bei allen hier vorge­stellten Routen handelt es sich um schwierige Freiklettereien, in denen sämtliche notwendige Haken und Bohrhaken stecken. Ein ausgewogenes Klemmkeilsortiment sowie Friends sind jedoch zur Sicherung erforderlich. Alle Abstiege erfolgen durch Abseilen über eingerichtete Pisten. Details über den genauen Verlauf der Routen finden sich auf den Seiten 50 und 51 der Rub­rik »Extrem«, ebenso Erstbegehungs­daten und Zeiten.

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