Hermann Buhl

No Comments
 
 

*21. 4. 1924 in Innsbruck,127. 6. 1957 an der Chogolisa

Das Innsbrucker Standesamt vermerkte als Hermann Buhls Geburtstag den 21. April 1924. Lebte er noch, würde er demnächst 88 Jahre alt. Einen achtundachzigjährigen Hermann Buhl kann man sich nicht vorstellen. Nur einmal sah er so aus: Als er vom Gipfel des Nanga Parbat zurückkam.
Seine rätoromanische Mutter stammte aus dem Grödner Tal. Sie starb, als der schwächliche Bub vier Jahre alt war. Des Vaters bescheidener Verdienst erlaubte nur ein sparsames Leben. Einige Zeit verbrachte Hermann in einem Waisenhaus, später erhielt er eine Lehrstelle bei einem Spediteur. Sein Bergsteigerleben begann er als alpiner Lausbub. Seine Freunde und Gefährten Hugo und Luis Vigl beschrieben ihn so: »Aus einem hageren, braungebrannten, lachenden Bubengesicht blickten uns zwei große, dunkle Augen neben einer schneidig geschwungenen Nase keck entgegen. Die unscheinbare, sehniggrazile Figur war von einem weiten, langen Anorak und einer abgescheuerten, verflickten Knickerbocker-Kletterhose eingehüllt. Langgezogenschlendrig waren die Schritte in den klobigen, sockenüberkrempelten Nagelschuhen.«
Als Zwölfjähriger kletterte Hermann Buhl mit Wäschestrick und in Wollsocken in der Karwendel-Nordkette, zwei Jahre später mit einem geliehenen Seil an den Grubreißentürmen. Er lernte Seilknoten, stoppte den Sturz eines Freundes und merkte, daß man auch Glück haben muß, wenn man beim Klettern älter werden wollte. Er trat in die Alpenvereins-Jungmannschaft ein, und Hannes Schmidhuber nahm ihn, den Schwächsten, mit seiner Gruppe in den Wilden Kaiser mit. Nach einem Biwak am Ellmauer Tor wollte sich Hermann unter die älteren Kameraden mischen, die in die Fleischbank-Ostwand einsteigen durften. Er wurde entdeckt und hart zurückgewiesen. Bei der nächsten selbständigen Tour erlebte er am Predigtstuhl eine Abfuhr und mußte sich von erfahrenen Kletterern sagen lassen: »Du gehörst nicht in die Berge. Aus dir wird nie ein Bergsteiger!«
Hermann Buhl schrieb nach diesem Vorfall: »Aus der Demütigung wuchs der Trotz. Wenn ich auch noch ein halber Knabe war, der in seiner Schmächtigkeit das Gegenteil von dem schien, was man sich landläufig unter einem Helden vorstellte, fühlte ich mich den anderen doch in einem überlegen: in dem schier verzehrenden Feuer der Leidenschaft für den Berg.«
Ja, er war besessen von dem Drang, Berge zu besteigen und ein Kletterer zu werden, wie es in Innsbruck viele gab, mit berühmten Namen: Mariner, Rebitsch, Frenademetz, Rainer… »Gibt es etwas Schöneres als klettern?« fragte er sich selbst. Sein Auftrieb kannte keine Grenzen. Mit 18 Jahren wagte er sich in den Bereich des VI. Grades. Im März 1942 beging er bei winterlichen Verhältnissen den Spindler-Weg durch die Südwand der Schüsselkarspitze. Zu Pfingsten überraschte ihn in der Fleischbank-Südostwand ein Wettersturz. Er hatte bisher unwahrscheinliches Glück gehabt: Da zerbarst ein Felsbock auf einem Standplatz, den er soeben seitlich verlassen hatte… da stürzte er im SchmuckKamin an der Fleischbank 60 Meter tief, und Seil und Knochen hielten es aus… da entrann er mit knapper Not einer Lawine. Kriegssommer 1943. Der 19jährige Hermann Buhl absolvierte als Rekrut die Ausbildung in der Heeres-Gebirgssanitätsschule in St. Johann in Tirol. Der Ostkaiser stand verlockend über dem Kasernenhof. Der ungeliebte Drill löste einen gewaltigen Auftrieb außerhalb der Kaserne aus. Mehr als der tägliche Wehrmachtsbericht war im alpinen Milieu von St. Johann die Maukspitze-Westwand im Gespräch. Damals das Kaiserproblem! Mit Wastl Weiß und Hans Reischl stieg Hermann Buhl an einem dienstfreien Sonntag in die steile Plattenwand ein, stürzte zehn Meter, als ein Haken ausbrach, gab nicht auf und kletterte weiter, bis er mit den Kameraden um 22 Uhr die Gipfelschneide erreichte. »Das übertrifft alles Dagewesene«, meinte Buhl. Für den Soldaten Hermann Buhl hatte dieser Bergsieg ein übles Nachspiel, denn er hatte ja beim Morgenappell gefehlt. Wegen »Vergehen gegen die Dienstordnung und Überschreiten der Ausgehzeit« stellte man den Erstbegeher vor ein Disziplinargericht, das beschloß: strafweise Abstellung an die Front. Bald hörte der Sanitäter Buhl um Monte Cassino die Kugeln pfeifen und geriet schließlich in Gefangenschaft. Hauptsache: Er kam heil aus dem Krieg zurück. Am ersten freien Tag zog er mit alten Freunden wieder in den Wilden Kaiser. Er war wieder in seinem Element und erreichte rasch Hochform. Mit Kartoffeln und Polenta rückte er zum Klettern aus. — Im Herbst 1946 schlich er mit Freunden schwarz über die italienische Grenze in die Dolomiten zur Nordwand der Großen Zinne. 1947: GoldkappelSüdwand, die der Erstbegeher Hias Rebitsch als seine schwierigste Tour bezeichnet hatte. Buhl bekannte hernach: »Wiederholen möchte ich sie nie mehr!«
Beruflich schaute es zunächst düster aus: Magazinarbeiter, Aushilfe in einer Skiwerkstatt, mit 23 Jahren Bergführerprüfung, Berater in einem Münchner Sporthaus.
Insgesamt standen in seinem Tourenbericht 1947 134 Gipfel, darunter 35 äußerst schwierige Wände und zehn Erstbegehungen. Ein paar Eistouren in den Zillertalern hatte Buhl auch schon gemacht. Da ermöglichte eine Einladung der Ecole Nationale in Chamonix im Sommer 1948 einen Westalpentrip mit Luis Vigl, Hias Rebitsch und Erwin Schneider. Trotz schlechter Verhältnisse gelangen Charmoz »Direkte Nordwand« und Triolet Nordwand.
Und dann bewährte sich Buhl auch als Winterbegeher der Direkten Südwand der Schüsselkarspitze und der Maukspitze-Westwand. Allein durchkletterte er die vereiste Fleischbank-Ostwand in Buhlscher Rekordzeit. Vom 15. bis 17. Februar 1949 erfolgte die erste Winterüberschreitung der Gleirschkette im Karwendel. Mit Josef Knoll war er vom Hafelekar bis Scharnitz 33 Stunden unterwegs über 25 Gipfel. Buhl: »Es war vielleicht meine anstrengendste Bergfahrt!« Zwischen schweren Sommerfahrten in den Nördlichen Kalkalpen und in den Dolomiten, wo ihm bei Nässe und Eis der Marmolada-Südpfeiler besonders imponierte, gelangen mit Martin Schließler der Aiguille-Noire-Südgrat und die Aiguille-Blanche-Nordwand mit anschließendem Peutereygrat. 1950 mit Kuno Rainer erste Winterbegehung der Marmolada-Südwestwand, WalkerPfeiler an der Grandes Jorasses und erste vollständige Überschreitung der Aiguilles von Chamonix. Auch im nächsten Jahr eine Fülle schwerster Fels und Eiswände (Sentinelle Rouge und Dent-Hérens-Nordwand) sowie Winterbegehungen (Fleischbank-Südostverschneidung, Sagwand-Nordpfeiler). 1952 brachte eine weitere ungeheure Leistungssteigerung: Badile-Nordostwand. »Die angespannte finanzielle Lage«, meinte er, »sollte mit dem Fahrrad überlistet werden.« Buhl kam von einer Vermißtensuche im Karwendel heim und fuhr noch abends mit der Bahn von Innsbruck nach Landeck. Hier begann seine »Tour de Suisse«. Um Mitternacht überschritt der radelnde Buhl die Schweizer Grenze, legte sich einige Stunden ins Gebüsch, um nach einem kalten Frühstück weiterzustrampeln. Über den Malojapaß gingen bei der Kurverei ins Val Bregaglia 1100 Höhenmeter verloren. Buhl hatte nur fünf Franken in der Tasche, das mate reichen. Um 19 Uhr betrat er durchnäßt die Sciorahütte. Am nächsten Morgen um sechs Uhr stieg er in die Platten der Nordostwand ein, und um elf Uhr hatte er die 800 Meter hohe Wand hinter sich gebracht. Dann stieg er über die Nordkante ab. Unten in Promotogno wurde der Blitzkletterer wieder zum Radler. In zwei Stunden schaffte er 20 Kilometer mit 1000 Metern Steigung, um zwei Uhr morgens passierte er die Grenze. Bei der Heimfahrt schlief er auf dem Fahrrad ein und stürzte samt Gepäck in den reißenden Inn. Das gehört ins GuinnessBuch der Rekorde!
Auch die siebte Begehung der Eiger Nordwand verlief dramatisch im Wettersturz. Dr. Herrligkoffer bereitete unter Schwierigkeiten eine Expedition zum Nanga Parbat vor. Buhls Name kam auf die Teilnehmerliste. Obwohl er bereits mit Frau Eugenie verheiratet und Vater eines Kindes war, schreckte er vor keinem Risiko zurück. Sein Alleingehen trieb er auf die Spitze, als er im Februar 1953 in einer Mondnacht die verschneite, 1800 Meter hohe Watzmann Ostwand auf denn schwierigen Salzburger Weg durchkletterte. Und dann ging es in den Himalaya. Auf dem 6500 Meter hohen Chongra Peak jodelte er wie nie vorher in seinem Leben. Es folgte sein legendärer Alleingang zum Gipfel des Nanga Parbat. Sein Kamerad Otto Kempter war zunächst im Lager 5 auf 6950 Meter Höhe zurückgeblieben. Buhl, der unruhige Geist, brach um halb drei Uhr auf. Er sah die Sternstunde seines Bergsteigerlebens vor sich. Um 14 Uhr stand er in der Bazhinscharte, 300 Meter unterhalb des Gipfels, aber noch einen Kilometer von ihm entfernt. Pervitin, ein letzter Schluck Cocatee! Auf allen vieren kroch er schließlich zum höchsten Punkt, 8125 Meter. Er mußte biwakieren, stieg, von Halluzinationen verwirrt, abwärts und traf glücklich mit Ertl und Frauenberger zusammen: erschöpft, gealtert, mit Erfrierungen an den Füßen. Weltruhm war ihm sicher.
Hermann Buhl erkletterte noch viele schwierige Wände. Im Frühjahr 1957 holte er sich mit Kurt Diemberger, Marcus Schmuck und Fritz Wintersteller seinen zweiten Achttausender, den Broad Peak im Karakorum. An der Chogolisa im Karakorum verlöschte am 27. Juni 1957 sein Glücksstern. Bei schlechter Sicht stürzte er mit einer Wächte in den Abgrund.
In der Chronik des Bergsteigens wird sein Name nie mehr gelöscht werden, sondern in einer Reihe stehen nnit Hans Dülfer, Paul Preuß, Emilio Comici, Lionel Terray…

  • watzmann ostwand salzburger weg topo

  • hermann buhl weg schitour
  • herman bhul
  • salzburger weg topo
  • sagwand nordpfeiler
  • watzmann ostwand rekordzeit
  • überschreitung der aiguille von chamonix
  • gleirschkette buhl
  • hermann buhl
  • aiguille blanche nordwand
  • hermann buhl watzmann salzburger weg

 

 

 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

More from our blog

See all posts
 
 
No Comments