Höfats im Sommer

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Es ist Hochsommer, als ich mir die Höfatstraverse, die Überschreitung aller vier Gipfel, vornehme; außerdem will ich den Edelweißberg nicht nur mit Silberdisteln kennenlernen. Kurz nach acht Uhr stehe ich auf dem Westgipfel (2 257 m). Die Fernsicht ist — wie sollte es im Hochsommer anders sein — wegen starken Dunstes heute mehr als dürftig, der Blick auf die nahe Umgebung um so eindrucksvoller. Bis zur Gufel hatte ich die Begleitung von drei Bergsteigem aus Riezlern, die, ausgerüstet mit Pickeln, großen Kameras, Stativen und Teleobjektiven, auf Gemsen Jagd machten, die neugierig vom steilen Gufelgrätle über uns herabäugten und sich als dunkle Schatten gegen den hellen Morgenhimmel abhoben. Im Tal hatten wir die Bergwacht überholt, die sich, mit schwerem Gerät beladen, gerade anschickte, den Zeltposten an der Höfats heuer wieder zu beziehen. Da sie bald zurückblieben und die drei Photojäger zum Ostgipfel anstiegen, habe ich meinen Gipfel wieder einmal mehr für mich allein. Kurz oberhalb der Gufel leuchtete das erste Edelweiß aus der schattigen Bergflanke, und je höher ich stieg, um so mehr wurden es.

Da ich auf die Traverse „brenne“, halte ich mich nur kurz auf dem Westgipfel auf und gehe gleich weiter. Die bekannte Rinne verfolge ich wieder ein Stück abwärts, bis deutliche Trittspuren waagrecht durch die jähe Südflanke des Zweiten Gipfels (2 259 m) führen, den ich über den kurzen Südgrat erreiche. Wo gibt es sonst einen Gipfel, auf dem man statt von Steinmann, Gipfelkreuz oder Buch nur von zahlreichen Edelweiß begrüßt wird? Eindrucksvoll ist der Steilblick hinab in den Rauhen-Hals-Tobel, auf Kleine Höfats und Seilhenker, hinüber zu Himmelhorn und Schneck Zu meiner Überraschung sind der Rauhe Hals wie auch das Rote Loch unter den Nordwänden der Höfats völlig schneefrei und grün — eine Folge des außergewöhnlich milden und schneearmen Winters.

Unten an der Gufel „krabbeln“ jetzt die Bergwachtler wie Ameisen herum und bauen die Zelte auf, um einen Sommer lang den Edelweißreichtum der Höfats zu schützen.

Auf dem Südgrat steige ich wieder ab und stehe gleich darauf in der Höfatsscharte (2 207 m), aus der sich der Mittelgipfel mit abschreckender Kante erhebt, die laut Führer zudem noch „sehr mürbes Gestein“ haben soll. Schon im Januar habe diese 50 m hohe Kante bewundert, heute hat mich beim Anstieg zum Westgipfel ihr Anblick eher beunruhigt. Aber wie meist, schaut bei näherem Zusehen die Kante viel weniger steil und das ganze Problem viel kleiner aus; vor allem scheint der Pfeiler gut gestuft. — Als ich nach 12 Minuten herrlicher, kaum schwieriger Kletterei die wirklich messerscharfe Schneide des Mittelgipfels (2 258 m) erreicht habe, bin ich aber selbst überrascht. Nicht einen Augenblick war die Kletterei heikel oder das Gelingen in Frage gestellt, das Gestein im Vergleich zu mancher anderen Allgäutour sogar recht zuverlässig. Herrlich und prickelnd ist dabei der Tiefblick nach links und rechts über die gut 70 Grad oder mehr geneigten Hänge. Das Gipfelbuch des Mittelgipfels hängt an einer Kette, da auf der Gratsdmeide kein Platz ist, um es auszulegen; ich selbst gehe auf kleinen Absätzen links unter dem Grat und halte mich mit den Händen auf der eisenharten Kante fest. Im Reitsitz läßt es sich auf dem Mittelgipfel gut rasten, links und rechts in die Tiefe schauen und im Gipfelbuch blättern, das auf seiner Titelseite so freundlich einlädt, bei Arger und Verdruß im Tal ihm einen Besuch abzustatten.

Nach kurzem Abstieg in die nächste und letzte Scharte (2 227 m) erhebt sich ebenso kühn der turmartige Ostgipfel; hier kann ich die Steigeisen ablegen, da nur noch fester Fels mich vom Gipfel trennt. Die etwa 33 m hohe Kante wirkt noch abschreckender als die des Mittelgipfels, da sie in ihrem unteren Drittel mit einem überhang geziert ist. Aber dieses Hindernis läßt sich links umgehen, gleich darauf stehe wieder auf der gut griffigen Kante und 7 Minuten nach Verlassen der Scharte auf dem letzten der vier Höfatsgipfel, dem Ostgipfel (2 260 m). Damit löst sich die Spannung, ich lasse mich auf dem kleinen, turmartig ausgesetzten Gipfel ins Gras fallen und kann nun in aller Ruhe die Aussicht genießen. Nur 200 m ist der erste Höfatsgipfel, der Westgipfel, entfemt, den ich vor gerade 50 Minuten verlassen habe — aber wieviel Schönheit der Wegführung und wieviel Bergerleben liegen auf diesen 200 m! Greifbar nahe ist die fast waagrechte Schneide des Mittelgipfels, nur etwa 60 m entfemt. Meine drei Begleiter aus Riezlern sehe ich am steilen Mittelgrat des Ostgipfels unter mir, Blumen photographierend. Nach guter Rast nehme ich befriedigt Abschied vom Gipfel und steige den SSO-Grat zum

Alpele hinab. Kurz unter dem Gipfel verlangt eine ausgesetzte Platte mit spärlichen Griffen noch einmal alle Aufmerksamkeit, dann führt wieder eine ausgetretene Spur durch die auch hier sehr steilen Hänge des Grates. Gleich nach der Platte zweigt nach Süden der „Mittelgrat“ ab und teilt die Wanne vom Bergangertobel.

Durch die lange Steigung von rund 1 500 m und vor allem die große Hitze bin ich etwas müde geworden, Füße und Knie beginnen beim langen und steilen Abstieg etwas zu schmerzen. Den Genuß an dem herrlichen Abstieg durch die an Edelweiß reichen Grashänge, fast immer der Grathöhe folgend, kann das kaum beeinträchtigen. Links unter mir wirken die oberen Hänge der Gutenalp, die sich in der Südostwand des Ostgipfels verlieren, fast eben; Kuhglocken läuten aus dem Erlengebüsch zu mir herauf. Etwa um 10.30 Uhr bin ich am Alpelesattel (1 779 m), fast schon wieder 500 m unter den Höfatsgipfeln. Um einen anderen Rückweg zu haben, nehme ich den allerdings weiteren Weg durch das Oytal und steige deshalb nach Nordosten zur Käseralp hinab. Schön ist der Blick auf die Wildengruppe und das Himmelhorn, dessen steiler Rädlergrat als Trennlinie von Sonne und Schatten scharf hervortritt. Die Höfats zeigt mir hier ihre in der Sonne fast schmerzhaft hell leuchtende Ostflanke mit dem Roten Loch, flankiert von Ost-, Mittel- und Zweitem Gipfel und Kleiner Höfats. Erfrischende Wasserwolken wehen über den Steg unter dem Stuibenfall (1 259 m), der donnernd und stäubend über eine gewaltige Talstufe hinabstürzt, um dann als Oybach friedlich talaus zu fließen.

Damit bin auch ich endlich im Talboden des Oytales und freue mich, daß es nur noch wenig Gefälle gibt. Immerhin habe noch etwa 8 km Talmarsch vor mir. Um diese Strecke zu „verkürzen“, teile ich sie mir in Etappen auf und kehre kurz im Oytalhaus und Jägerstand ein. Nach wie vor brennt heiß die Sonne, die zahlreich aufgezogenen Gewitterwolken schleichen sich stets akkurat um sie herum. Die letzten zwei Kilometer auf dem Fahrweg hinab nach St. Loretto und auf staubiger, vielbefahrener Straße zurück zum Ausgangspunkt der Tour bei Oberstdorf werden mir sauer. Trotzdem möchte ich mit keinem der vielen tauschen, die sich mit geradezu aufreizendem Wohlbehagen im Wasser und auf den Wiesen des Moorbades strecken. Aber eines weiß ich: Das nächste Mal nehme ich mir zur Höfats die Badehose mit!

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