Abenteuer am Ankogel

Oktober 26, 2011
in Category: Ankogelgruppe, Featured News, Hochtour
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Damals fuhren die silbergrauen Gondeln der inzwischen eröffneten Ankogelbahn noch nicht. Das wohleingerichtete, inzwischen zum Hotel werdende Hannoverhaus (2 700 m) stand damals nur dem Bergsteiger offen, der sich nach gut vierstündigem Aufstieg von Mallnitz über den 2 000 m hohen Hochalmblick die Rast im Schutzhaus verdient hatte. Die Morgensonne stand strahlend am Himmel, als wir die steilen Flanken zum Ankogelgipfel (3 262 m) emporstiegen. Vereinzelt erinnerten noch Schneeflecken an den Neuschnee des Wettersturzes, der vor wenigen Tagen den Ankogel in eine Winterlandschaft verwandelt hatte. Der Felssteig war Gott sei Dank bereits wieder aper, aber er querte Schneeflächen, die von beängstigender Steilheit schienen und uns ernst an die Gefahr gemahnten, die ein Wettersturz mit Neusdmee nach sidi zieht. Im Handumdrehen kann der harmloseste Aufstieg zum Problem werden, der sichere Pfad wird zur Falle. Er verschwindet im abwärts schießenden weißen glatten Hang. Aus sorglosem Wandern über bequemen Steig wird im Nu eine todernste, äußerste Vorsicht heischende Auseinandersetzung mit einem tückischen weißen, verderbenbergenden Berg. Wir sprachen darüber, während wir aufwärts stiegen, und kramten in Erinnerungen über unerwünschte Duelle mit Neuschneeflanken in den Juliern. Dann standen wir am Gipfel. Ein wolkenloser blauer Himmel wölbte sich über das Gipfelmeer vom Dadistein bis zu den Dolomiten. In gähnender Tiefe lag unter uns das Anlauftal. Da hinunter waren nach dem Ersten Weltkrieg die Gesteinsmassen des Gipfelaufbaues gestürzt. Seither ist der Ankogelgipfel um 11 m niederer.

Die Sonne stand schon hoch, als wir aufbrachen, um über den Nordostgrat zur Großelendscharte abzusteigen. Das ist ein vielbegangener unschwieriger Weg, über den der Winteranstieg zum Ankogel führt.

Aber als wir den Grat entlangturnten, stach den ungestümen und oft allzu wagemutigen Hans der “Haber”. Eine Schneerinne stieß südlich vom Grat in die Tiefe. Sie mochte vielleicht 20 m breit sein und schien, gut 150 Höhenmeter überwindend, sich als geradezu ideale Abkürzung zur Großelendscharte anzubieten. Hans pries sie dann auch in verlockendsten Worten an, prüfte mit dem Stiefelabsatz die Schneebeschaffenheit, und schon stand er im abschüssigen Schnee.

In der Tat, die Rinne war aufgefirnt; die Absätze seiner Bergstiefel gruben sich mühelos in den Firn. Das Schneefeld war also begehbar. Wir zögerten dennoch. Die Rinne war steil, sehr steil, wohl mehr als 45 Grad, und wir hatten zwei Gefährten mit, die vor der abschüssigen Schneebahn zurückschreckten. Sollten wir es wagen? Wir standen in 3 200 m Höhe am Grat. Die Sonne glühte, ein unirdisches Leuchten umflutete uns. Kein Laut störte die Majestät der Hochregion.

Der Firn in der Rinne glitzerte lodtend wie leuchtendes Kristall. Hans sprang, seine Absätze wuchteten in den Sdmee: „Seht, er ist weich, da ist keine Gefahr!” Da machten auch wir uns bereit. „Duzi” nahm das fürsorglich für Schlechtwettereinbrüche mitgenommene Seil aus dem Rudtsack, wir seilten uns an. Ich stieg voraus, Ilse und Emil folgten, Duzi, der Stärkste und Erfahrenste, sidierte am Schluß. Wir stiegen ein und müssen in diesem Augenblick blind gewesen sein. Denn wir hatten die Steilheit der Rinne geprüft, wir hatten uns über die Schneebeschaffenheit vergewissert, aber wir hatten eines nicht gesehen: das höllische Arsenal der Steingeschosse, das am Fuß der Rinne lag und weithin das flach auslaufende Schneefeld der Rinne mit riesigen Blacken bedeckte.

Wir stiegen langsam bergab. Eisplatten unter dem Firn zwangen zur Vorsicht, wir kamen nur langsam voran. Die Mittagshitze brütete selbst in dieser Höhe heiß über dem Schnee. Duzi wurde unruhig und mahnte die Gefährten zur Eile.

Ich stand immer wieder, auf ihr Nachkommen wartend, und sah zum Grat hinauf. Ober der firnglänzenden Rinne leuchtete der wolkenlose Himmel in einem gespenstischen Blau. Magisch zog mich dieses rätselhafte Blau an. Immer wieder wandte ich den Blick nach oben, und immer wieder faszinierte mich das dunkle Firmament über dem leuchtenden Grat. Wir hatten schon das letzte Drittel der Rinne erreicht, aus der eine meterhohe apere Felsrippe ragte, da geschah es.

Ich stand ein paar Meter Liber der Felsrippe und suchte mit den Augen wieder das göttliche Blau über dem Ankogelgrat. Und genau in diesem Augenblick begann die Steinlawine ganz oben am Grat ihre Höllenfahrt. Ich sah die Felsblöcke in die Rinne stürzen, torkeln und dann in lange Sprünge übergehen. Und einen Herzschlag später sah ich den Fels, groß wie ein Haus. Drohend schien er oben in der Scharte einen Augenblick lang stillzustehen, als wollte er sich die Talfahrt noch überlegen, dann kippte er ganz langsam nach vorne …

Mehr sah ich von ihm nicht. Mein Schrei gellte: „Achtung, Stein!” Die Steinlawine, darunter wuchtige, schwere Blöcke, groß wie Tische, schoß mit schreddicher Konsequenz auf uns zu. In Sekundenschnelle mußten uns die herabsausenden, in rasender Talfahrt sich überschlagenden furchtbaren Geschosse erschlagen oder zermalmen. Wir alle lagen unentrinnbar in ihrer tödlichen Bahn. In Bruchteilen von Sekunden erkannte ich, daß es in dieser schmalen Rinne keine Rettung gab. Aber im selben Augenblick. sah ich die Felsrippe unter mir. Ich stieß mich von meinem Stand ab, um im Hechtsprung den schützenden toten Winkel hinter der meterhohen, quer zur Fallrichtung aus der Rinne ragenden Felsbarriere zu erreichen. Aber noch in der Luft spürte ich grausam den harten Ruck des Seils, das mich zurückriß. Mich durchzuckte noch das Bewußtsein: „Zu spät für die rettende Deckung.” Dann fiel ich hart auf.

Die Erinnerung an die folgenden Sekunden ist in meinem Bewußtsein ausgelöscht. Die Lawine hatte uns mit unheimlicher Gewalt Liberrollt. Die stürzenden Felsklötze hatten die Felsrippen zum Teil hoch übersprungen. Zum Teil waren sie dort aufgeprallt und wieder hochgeschleudert worden. — Ein Wunder war geschehen! Wir lebten! Wir alle waren mit Ausnahme von Duzi im schützenden toten Winkel hinter dem Fels gelegen und hatten uns in den Stein gekrallt. Wie ich in diese Deckung gekommen bin? Ich weiß es nicht.

Duzis Schrei „Aus der Gefahrenzone!” riß mich hoch. Im Gefolge der Steinlawinen wogte ein nicht enden wollender Sturzbach lockeren, von den Steinmassen losgerissenen Firnschnees über uns hinweg in die Tiefe. Ilses Gesicht war blutilberströmt. Ein springender Fels hatte sie in der Deckung um „Haaresbreite” berührt und ein Stück Kopfhaut mitgerissen. Ein Stein hatte Emils Rucksack mitgenommen. Das Seil war zerstückelt, zwischen jedem von uns zerfetzt. Aber uns selbst hatte der Tod säuberlich ausgespart.

Aber noch waren wir in der Rinne, und jeden Augenblick konnte die nächste Steinsalve in die Rinne schmettern. Wir stürmten über das flacher und breiter werdende Schneefeld bergab, bis wir aus der Schußlinie waren.

Keine Minute zu früh. Dann war die nächste Steinlawine da. Aus sicherer Entfernung sahen wir die Blöcke in weiten Sprüngen durch die Rinne fliegen, hörten das gefährliche Surren der kleinen Brocken, bösartig klang das harte Krachen, wenn Fels auf Fels aufschlug. Unten am Fuß der Rinne sprangen die Steingeschosse dann knallend auf die anderen Steinmassen, die der Ankogel bereits herabgeschleudert hatte.

Nach dieser letzten Kanonade wurde es unheimlich still. Duzi holte sein Verbandspädwhen aus dem Rucksack und legte Ilse einen Notverband an. Ich sah wieder hinauf zur Scharte. Das Schneefeld lag unendlich friedlidi im Sonnenlicht. Kein Lüftchen regte sich. Und tiefblau, märchenhaft blau leuchtete wieder der Himmel über dem Grat.

Langsam stiegen wir, um eine tiefernste Erfahrung reicher, über die steilen Hänge des Pletschis hinunter ins Seebachtal.

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