Die Zimba – Rätikon

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Daß ich eines Tages auf dem Gipfel der Zimba ste­hen würde, hätte ich in meinen kühnsten Träumen nie zu hoffen gewagt. Vor derartig steilen Kalkriffen hatte ich immer einen gehörigen Respekt. Ich bin kein Extremer, meine Stärke ist nicht der senkrechte Fels, nicht die Arbeit mit Karabinern und Haken. Ich bin mehr Skibergsteiger, mehr Spezialist auf stark geneigten Firnhängen, ich schreite gern über schmale Schneefirste, ich liebe den Blick aus den Scharten und erfreue mich am Spiel der Wolken. Oft sah ich die Zimba, wenn ich irgendwo am Arl­berg meine Skispur zog. Ich erblickte sie aus vielen Perspektiven: von Norden und Osten, vom Drusen­turm und von der Schesaplana, vom Kaltenberg und von der Sulzfluh, oder fern vom Ifen oder Hochgrat. Immer stand sie unnahbar und unerreichbar für mich am Horizont. Ihre gleichmäßig geformte Gestalt sah stolz, manchmal herausfordernd auf mich herab oder zu mir herüber. Und ich dachte mir: Die Zimba, dieser klangvolle Name, wäre doch einen Nerven­kitzel wert!

Nun war der Tag gekommen, an dem ich mich an sie heranwagte. Es war irgendwann im Oktober, als der Wald in allen Farben flammte und der Himmel klar und durchsichtig wie ein Kristall über dem Montafon hing. Ein später Altweibersommer mit ungewöhnlich warmen Temperaturen narrte uns, und die Berge waren bis zu den Gipfeln hinauf völ­lig schneefrei.

Als ich in diesen späten Tagen dem Gipfel der Zimba wieder gegenüberstand, näher und unvermeidlicher als je zuvor, da faßte mich wieder dieser Schauder, jene merkwürdige Scheu, die ich nicht unterdrücken konnte, jedesmal, wenn ich dieses ragende Kalkriff erblickte. Aber diesmal konnte ich nicht zurück, die Gefährten waren um mich, mit denen ich diese Berg­fahrt geplant hatte, und in mir steckte ein unwider­stehlicher Drang, das »Matterhorn Vorarlberg?’ zu betreten.

Wir waren zu sechst, ein Mädchen war auch dabei. Die kleine Senta hatte den weiten Weg aus Nord­bayern nicht gescheut, um gemeinsam mit uns auf die Zimba zu klettern. Es war Wochenende, und wir hatten unsere beiden Zelte auf einer grasbewachse­nen Terrasse oberhalb der Heinrich-Hueter-Hütte errichtet. In der Hütte herrschte reger Betrieb, denn die Zimba ist in Klettererkreisen bekanntlich ein Modeberg. Es wäre also sinnlos gewesen, dort unten ein bequemes Nachtlager erhaschen zu wollen. Außerdem war es hier oben wesentlich schöner und friedlicher. Als es Nacht wurde und das letzte Licht des Tages im Kalkfels der Zimba erlosch, ent­fachte Franz unser Lagerfeuer. Es knisterte und loderte zum Himmel, und ich werde diesen Abend nie vergessen. Über dem Rellstal stand die schwarze Silhouette der Drusenfluh unter einem sternenüber­säten Firmament. Wir saßen im Halbkreis vor unse­rem Feuer, das die Umgebung gespenstisch erhellte und dessen Widerschein unruhig auf unseren Gesich­tern flackerte. Hoch über uns ragte die Zimba in die Nacht. Sie war mir vertraut wie ein guter Freund, den ich schon immer kannte. Keine Respektsperson, der man sich ehrfurchtsvoll nähert …

Schon kurz nach Sonnenaufgang waren wir unter­wegs zur Neyerscharte. Wir ahnten damals noch nicht, daß wir uns verspätet hatten und von der Nacht überrascht werden würden. Der Hüttenwart hatte uns den Weg erklärt und meinte, der Ostgrateinstieg wäre nicht zu verfehlen, da er mit einem rötlichen Ring gekennzeichnet sei. Von dem Ring war allerdings nicht mehr viel zu sehen, Regen und Sonne hatten die Farbe ausgebleicht. Über uns rag­ten die ungeheuren Platten der Zimba. Ein leichtes Schaudern ergriff mich schon, als ich da empor­blickte. Aber ich wußte, diesmal konnte mich nichts mehr aufhalten, die Scheu vor dem Gipfel der Zimba hatte ich abgestreift, der schauerliche Tiefblick aus senkrechtem Fels konnte mich nicht mehr schrecken.

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